Es könnte ein herrlicher Tag sein: Das Wetter ist mild, die Lindenbäume blühen, und Wien, die schöne, die fürchterliche Stadt, liegt weit drunten im Tale. Auch Hunger und Durst müssen unsere beiden Spaziergänger nicht leiden – eine Flasche Gumpoldskirchner und zwei große, allerdings kalte Wiener Schnitzel sind als Proviant mit von der Partie.

Trotzdem werden die beiden Wanderer ihres Ausflugs nicht recht froh. Denn den einen, den berühmten Burgtheaterdirektor Peymann, hat eine Vision, eine theatralische Fieberphantasie gepackt: Er möchte "alle Stücke von Shakespeare zusammenquetschen" und an einem einzigen Abend im Burgtheater aufführen, in einer "totalen Shakespearekonzentration" – daß er dafür genau "eintausendachthundertvierunddreißig" Schauspieler brauchte, "naturgemäß die allerersten", irritiert unseren wilden Träumer und Großsprecher nicht.

Des Burgtheaterdirektors Begleiter, der berühmte Burgtheaterdramaturg Beil, sagt zu alledem nichts. Das heißt, er sagt schon etwas. Er beißt in sein großes, kaltes Wiener Schnitzel und sagt: "Ein herrliches Schnitzel."

Im Jahre des Herrn 1987 schrieb Thomas Bernhard den Einakter "Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese"; ein, wie der Dichter völlig zu Recht anmerkte, "weltumwerfendes Stück". Vielleicht war das Stück auch ein prophetisches – und erklärt uns nun die Theaterrätsel des Jahres 1992.

Seit vielen Wochen nämlich werden alle Theaterpremieren, die stattfinden, überschattet und überglänzt von einer Premiere, die einfach nicht stattfinden will. Claus Peymann inszeniert Shakespeares "Macbeth" – die Premiere, ursprünglich für den Dezember annonciert, ist mittlerweile so oft verschoben worden, daß nur noch Schwärmer an sie glauben mögen.

Ganz Österreich befindet sich in hellem Aufruhr, in maßloser Erregung (nicht einmal der Triumph der olympischen Abfahrtsläufer kann die Republik besänftigen). Was ist los im Hl. Burgtheater? Hat Lähmung, hat Panik den Peymann gepackt? Oder plant er (unsere Vermutung) den tollsten Coup seiner Karriere? Probiert er gar nicht "Macbeth", sondern heimlich den ganzen Shakespeare auf einmal? Will er in einer einzigen totalen Shakespeareschlacht das feindliche Österreich endgültig überwältigen? Jenes Österreich, das ihm stur verwehrt, ein Österreicher zu werden? Jenes Österreich, das wieder einmal eine theatralische Bürgerwehr aufgestellt hat (die "Bürgerinitiative zur Rettung des Burgtheaters"), um den verhaßten deutschen Burgtheaterdirektor aus seinem Amt zu entfernen

Wir schauen mit Schaudern und mit Neid hinüber, hinunter nach Wien. Während die deutsche Kulturrepublik seit Monaten das wahrhaft trostlose, aschgraue Schauspiel "Spitzeljagd" aufführt, erinnert uns das Shakespearefieber in unserem Nachbarland daran, worauf es wirklich ankommt im Leben einer Kulturnation, die diesen Namen verdient: auf den Glanz und Schrecken einer Theaterpremiere.