Von Kirsten Brodde

Wer bei Recycling lediglich an Papier, Metall oder Glas denkt, den hält Wolfgang Schleinzer für einfallslos. Dem Chefarzt der Abteilung Anästhesiologie, Intensiv- und Transfusionsmedizin in der Hamburger Spezialklinik für Knochen- und Gelenkchirurgie fällt sofort etwas anderes ein: Blut. Schleinzers Metier in der Endo-Klinik ist das Gewinnen und Wiederverwenden von patienteneigenem Blut. Denn der eigene Lebenssaft ist für eine Blutübertragung optimal: Unverträglichkeiten wie etwa Fieber oder immunologische Reaktionen sind ausgeschlossen. Schleinzers Ziel: Fremdbluttransfusionen bei Operationen einschränken, bei allen planbaren Eingriffen ganz auf sie verzichten.

So etwa bei Hüftprothesen. Ließe Goethes Dramenheld Egmont sich heute in der Endo-Klinik ein neues Hüftgelenk einpflanzen, klagte er nach dem Eingriff kaum darüber, daß ein "fremder Tropfen" in seinem Blute sei – gleichwohl bis zu drei Liter des roten Saftes geflossen wären.

Ein Stück in vier Akten hätte das verhindert: erstens die Eigenblutspende, zweitens die Plasmapherese, drittens die Hämodilution und viertens die maschinelle Autotransfusion.

Teil eins und zwei spielen vor der Operation, Teil drei kurz davor und der Schlußakt während des Eingriffs und danach.

  • Für die Eigenblutspende kommt der Patient das erste Mal etwa fünf Wochen vor dem geplanten Operationstermin und später wöchentlich in die Klinik, um sich jeweils einen halben Liter seiner fünf bis sieben Liter Blut abzapfen zu lassen. Der rote Saft wird entweder als flüssiges Vollblut gelagert oder in Plasma (Blutflüssigkeit) und Erythrozyten (rote Blutkörperchen) gespalten. Das milchig-gelbe Plasma wird schockgefroren, die Blutkörperchen bei plus vier Grad im Kühlschrank aufbewahrt.
  • Anders bei der Plasmapherese: Die roten Blutkörperchen bekommt der Spender sofort zurück, nur das Plasma wird aufgefangen. Denn darin schwimmen für den Körper wichtige Eiweißstoffe und Gerinnungsfaktoren. Ein bis zwei Stunden dauert es, bis 900 Milliliter Plasma gewonnen sind. Ein Aderlaß genügt oft nicht: Für einen Hüftersatz etwa muß die Prozedur wiederholt werden.
  • Kurz vor der Operation werden dann noch einmal ein bis anderthalb Liter Blut abgenommen – Auftakt für Akt drei: die Hämodilution. Um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen, infundieren die Mediziner ein sogenanntes Volumenersatzmittel. Der Lebenssaft läuft nun dünner durch die Adern. Kommt es während des Eingriffs zu einer Blutung, verschwindet nur "Verdünntes". Nach der Blutstillung erhält der Patient so lange das zuvor Gespendete zurück, bis sein Blut wieder konzentriert ist.
  • Damit nicht genug: Verlorenes Blut läßt sich mit Hilfe eines speziellen Gerätes, einer Zellwaschzentrifuge, auch während und nach der Operation sammeln und wiederverwenden. Bei der maschinellen Autotransfusion (MAT) wird das aus der Wunde sickernde Naß aufgesaugt, ungerinnbar gemacht, gefiltert, geschleudert und mit Kochsalz gewaschen. Fünf bis sieben Minuten später läuft ein von Gerinnseln, Knochensplittern und Gewebestückchen befreites Erythrozytenkonzentrat ins Gefäßsystem des Patienten zurück. Unerwünscht ist dabei das Plasma: Die Blutflüssigkeit kann durch aktivierte Gerinnungsfaktoren gefährlich sein und bleibt zurück. Als Ersatz steht – frisch aufgetaut – das Plasma der vorherigen Plasmapherese bereit. Die beachtliche Ausbeute der MAT: Zwei Drittel des während der Operation geflossenen Blutes lassen sich aufarbeiten.

Die Plasmaspende vorab und das Blutrecycling am Operationstag selbst vermögen drei bis vier Liter Blutverlust auszugleichen. Mit der Eigenblutspende dazu ist auch mehr zu bewältigen – leider halten diese Konserven nur begrenzt: Verschiebt sich der Operationstermin, war die Spende umsonst. Doch "bei siebzig bis neunzig Prozent aller planbaren Eingriffe in Endoprothetik, Gefäß-, Bauch- und Wirbelsäulenchirurgie oder Herzoperationen", sagt Wolfgang Schleinzer, "kann mit unserem Methoden-Mix auf Fremdblut verzichtet werden." 1987 verbrauchte die Endo-Klinik noch 12 600 Fremdblutkonserven, 1991 sank die Zahl auf 2242 – nicht mal mehr ein Fünftel. Beeindruckende Bilanz des Hamburger Blutsparens allein 1991: 2522 Eigenblutspenden, 6130 Plasmapheresen, 3204 Hämodilutionen und 2188 maschinelle Autotransfusionen.