Von Maria Huber

Jekaterinburg, im Februar

Das lebhafte Gespräch im Restaurant des Hotels „Oktjabrskaja“ verstummt. Der Portier ruft laut in den Speisesaal: „Ein Vertreter von Inter-Ural bitte zum Telephon!“ Die deutschen Gäste der kleinen Tafelrunde lassen Messer und Gabel fallen. Elektrisiert sehen sie auf. Doch niemand im Saal erhebt sich. „Schauen Sie doch bitte einmal nach, wer da ans Telephon geht“, bittet der deutsche Delegationsleiter den Vertreter der Moskauer Akademie für Volkswirtschaft, der die Reise nach Jekaterinburg, in Boris Jelzins politische Heimat, organisiert hat.

Die Stadt, in der die Bolschewiki im Juli 1918 die Zarenfamilie erschossen, hieß unter kommunistischer Herrschaft Swerdlowsk, nach dem ersten sowjetischen Staatsoberhaupt. Der große Verwaltungsraum um die Industriestadt heißt weiter Swerdlowsker Gebiet – hier wie in Moskau ist die Gebietsführung weit konservativer als die Stadtverwaltung. Das erfährt die kleine Gruppe an diesem Abend im Anschauungsunterricht.

Sie ist gekommen, um herauszufinden, welches High-Tech-Potential das bisherige sowjetische Rüstungszentrum im Ural für eine künftige Zusammenarbeit auf dem Weltmarkt einbringen könnte. In einer Diskussion mit dem Vorsitzenden des Jekaterinburger Stadtrats, Jurij Samarin, haben die Gäste am Vortag zum ersten Mal von der geheimnisvollen Firma Inter-Ural gehört. Ein Abgesandter Baden-Württembergs beklagte sich bei Samarin: Auf dem Stuttgarter Flughafen stünden sechzig Tonnen Lebensmittel im Wert von 3,5 Millionen Mark seit Wochen bereit.

Die nicht abgeholte Ladung gehört zu jenem Hilfsprogramm, das Boris Jelzin und Erwin Teufel im vergangenen November in der Residenz der württembergischen Könige so spontan und spektakulär beschlossen haben, weil es im Schwerindustriezentrum an Konsumgütern mangelt, die sich gegen Lebensmittel eintauschen ließen. Mit am Tisch saß damals der Gebietsgouverneur von Swerdlowsk, Eduard Rossel. Am 15. Januar sollte ein russisches Großraumflugzeug eintreffen. Es blieb aus.

Statt dessen erhielt das Landwirtschaftsministerium in Stuttgart ein Telefax in deutscher Sprache von der Moskauer Zentrale der Inter-Ural, das der Bevollmächtigte Baden-Württembergs nun dem verblüfften Jekaterinburger Stadtrat präsentierte: „Heute, am 10. Jänner, hat uns der Gouverneur der Swerdlowsk-Region, Herr E. Rossel, informiert, daß man die Lage mit Nahrungsmitteln, Medikamenten sowie Konsumgütern in der Region wohl als kritisch bezeichnen kann. Alle Gebietsleitungen und Verwaltungschefs ... beschäftigen sich des ganzen Tages mit der Versorgung der Bevölkerung. Im Zusammenhang damit bat die Gebietsleitung, uns vor der deutschen Delegation zu entschuldigen, die den Abflug am 16. Januar 1992 nach Jekaterinburg geplant hat, und ihren Besuch auf Februar 1992 zu verschieben.“