Wetzlar

Gerne wäre er der neue Märtyrer: Thomas Röder, Zahnarzt und prominentes Mitglied der sogenannten Scientology-Kirche. Schon in der Jungen Union galt er als möglicher Aufsteiger, doch inzwischen liegt die Karriere des 34jährigen auf Eis; der Vorstand des CDU-Kreisverbandes Lahn-Dill hat ein Parteiausschlußverfahren eingeleitet.

Der „Fall Röder“ ist Dauerthema in den regionalen Medien. Immerhin hatte der Scientologe es bis zum Ortsverbandsvorsitzenden Wetzlar Mitte gebracht. Röders Frau und ein weiteres Zahnarzt-Ehepaar – ebenfalls Mitglieder der umstrittenen Sekte – sollen gemeinsam mit Röder die Union verlassen. Hinter dieser Entscheidung steht der auf dem CDU-Bundesparteitag in Dresden gefaßte Unvereinbarkeitsbeschluß: Scientologen sollen aus der CDU ausgeschlossen oder nicht mehr aufgenommen werden. „Es ist einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, daß Mitglieder einer anerkannten Religionsgemeinschaft aus einer politischen Partei verbannt werden sollen“, schimpft Röder.

Mit allen juristischen Mitteln will der Zahnarzt gegen den Parteiausschluß vorgehen: zunächst bis zum Bundesparteigericht; nach einem Scheitern dort auch durch alle Instanzen der zivilen Gerichtsbarkeit. Den CDU-Unvereinbarkeitsbeschluß soll Röder im Auftrag der Scientologen vor dem Bundesverfassungsgericht kippen. Er, der sich als Opfer einer Rufmordkampagne sieht, ist in der Hierarchie der höchst umstrittenen Sekte kein kleines Licht mehr: Das Ehepaar Röder firmiert an prominenter Stelle der Scientologen-Liste „Patrons of the Association“. Das bedeutet: Mindestens 80 000 Dollar wurden für die „Kriegskasse“, die sogenannte war ehest, der Kirche gespendet. In einer Scientology-Werbebroschüre bekennt der Zahnarzt sehr Persönliches: „Ich weiß, daß ich als Wesen unsterblich bin.“ Mit der CDU legt sich Röder aus zwei Gründen an: Solange über den Religionscharakter von Scientology nicht entschieden ist, der Unvereinbarkeitsbeschluß juristisch also nicht abgeklopft ist, bleibt der Präzedenzfall Thema in den Medien, und der Kleinstadt-Zahnarzt kann sich in der Rolle des verbannten Märtyrers wirksam vermarkten. Zweitens bietet der Konflikt Röder Aufstiegschancen in der scientologischen Hierarchie, denn Erfolg gehört dort zum spirituellen Programm. Durch seinen Streit mit der CDU wird Röder stufenweise zum scientologischen Übermenschen, der alles kann und alles darf – zum Thetan.

Im übrigen: Röders vermeintliches Solo ist keines. Seit August vergangenen Jahres läuft der „Kreuzzug 1991“ – eine Werbekampagne mit dem Titel „Ich bin ein Scientologe“. Zu den flankierenden Maßnahmen gehört unter anderem das Schreiben von Leserbriefen. Denn: „Eine der simpelsten und erfolgreichsten Aktionen, um negative Presse zu handhaben, sind Leserbriefe und Reaktionen von Scientologen darauf“, heißt es in dem zur Kampagne gehörigen internen Strategiepapier.

Plötzlich hatte die lokale Presse eine erstaunliche Resonanz von Leserbriefschreibern aus dem ganzen Bundesgebiet. Außerdem gab es in der mittelhessischen Kleinstadt Flugblattaktionen, die das Thema Scientology bis heute in der öffentlichen Diskussion gehalten haben. Zu einer von der CDU durchgeführten Veranstaltung „Opfer packen aus“ kamen rund tausend Besucher. Die anwesende Schar der Scientologen, darunter auch Sektenprominenz aus Hamburg und Frankfurt, hatte es schwer, die Vorwürfe der organisierten Gegner zu widerlegen. Renate Hartwig, Vorsitzende der Selbsthilfegruppe Robin Direkt e.V., präsentierte eine Anzeige gegen die Sekte wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Sie verfügt nach eigenen Worten über Informationen, daß die Scientology-Kirche, ähnlich wie die Stasi, Menschen unter Druck setzt.

Und wieder ist es Thomas Röder, der den Stellvertreterkrieg führt. Schon hat er eine „Fülle unangenehmer Enthüllungen“ über Frau Hartwig angekündigt. Auch die Sektenexperten der evangelischen Kirchen, die in Wetzlar gegen Scientology aufgetreten waren, werden in Röders jüngster Pressemitteilung harsch zurechtgewiesen: Sie hätten Andersgläubige diffamiert.

Die Sprache des Märtyrers wird härter. Auf einen mindestens zweijährigen Rechtsstreit mit der CDU hat sich Röder eingestellt. Währenddessen sammelt er Punkte für die „Statistik“ – so nennt die umstrittene Kirche das Erfolgskonto ihrer Anhänger. Peter Seibert