Immer mehr Fachhochschulen schicken ihre Studenten ins Ausland

Deutsche Hochschulen machen Ernst mit der europäischen Integration: Nicht nur private Universitäten, sondern vor allem auch staatliche Fachhochschulen tun sich mit neuen Studiengängen hervor, deren Teilnehmer mehrere Semester an französischen, britischen oder spanischen Schulen studieren. Die Studienzeit verlängert sich dadurch in der Regel nicht, weil die Auslandssemester in das deutsche Studium integriert werden.

"Wir sind der Prototyp gewesen", sagt Eva Haberfellner, Professorin an der Fachhochschule Reutlingen, über das "Europäische Studienprogramm für Betriebswirtschaft" (ESB), das ihre Schule gemeinsam mit Instituten in London, Madrid und Reims schon seit über zehn Jahren anbietet. Zwei der vier Studienjahre lernen die Teilnehmer im Ausland und erhalten am Ende von ihren beiden Hochschulen ein nationales Diplom.

Der Erfolg hat Reutlingen zum Wegweiser gemacht. Eine Reihe von Fachhochschulen bietet jetzt integrierte Auslandsstudien an. Fachhochschulen hätten eben besser auf veränderte Anforderungen reagieren können als die Universitäten, meint Wolfgang Haertrich von der privaten European Business School im Rheingau. Sie seien von weniger Bürokratie belastet.

Einen neuen Weg geht die Fachhochschule für Wirtschaft in Pforzheim. Von kommenden Herbst an bietet sie gemeinsam mit vier europäischen Partnerhochschulen ein Aufbaustudium über sechzehn Monate zum "Euro-MBA" (Europäischer Master of Business Administration) an. Die Ausbildung ist den angelsächsischen MBA-Programmen nachempfunden. Der Studiengang zielt auf Teilnehmer, die nach ihrem ersten Hochschulstudium schon gearbeitet haben. Da der Euro-MBA als Weiterbildung eingestuft wurde, dürfen die Pforzheimer auch Studiengebühren kassieren, die teilweise von Sponsoren aus der Wirtschaft kommen sollen. Um das Programm habe die Schule mit der Bildungsverwaltung "arg kämpfen müssen", so Rektor Rupert Huth, aber als Fachhochschule sei man immer noch Emporkömmling und entsprechend innovativ.

In den Unternehmen werden die Emporkömmlinge entschieden gelobt. Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft fordern, den Schwerpunkt beim Hochschulausbau auf die Fachhochschulen zu legen. In weiten Bereichen, erklärt der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI), benötigten die Unternehmen nämlich "keine Theoriedurchdringung". Damit stoßen die Spitzenverbände allerdings auf den Widerstand staatlicher wie privater Universitäten. "Gute Ausbildung nur bei guter Forschung" ist das Credo der wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung in Koblenz, die viele ihrer Studenten zur Promotion anhält. Auch Manfred Perlitz, Professor für Betriebswirtschaft an der Universität Mannheim, kann dem BDI nicht folgen: "Die Industrie würde sich langfristig einen Bärendienst erweisen, wenn sie sich von der Universität abwendet."

Zwar könnten Fachhochschulen schneller spezialisierte Mitarbeiter hervorbringen, aber in einer Welt, in der das Wissen sich alle fünf Jahre verdoppelt und um so schneller veraltet, je näher man an der Praxis ist, brauchten die Unternehmen "junge Menschen, die theoretisch wissen, was sie praktisch tun". Der wirtschaftliche Erfolg Japans und der Bundesrepublik beruhe gerade auf dem, was als Überakademisierung verschrien sei.