Für die Börsianer rückt das Jahr 1993 immer stärker ins Blickfeld. Nach einer Stagnation in diesem Jahr sollen die Unternehmensgewinne dann wieder um rund zehn Prozent zulegen. Grundlage für diesen Optimismus ist die Erwartung, daß sich die Weltkonjunktur im zweiten Halbjahr 1992 wieder belebt, außerdem sollen die Investitionen in den neuen Bundesländern erste Früchte tragen. Gleichzeitig wird angenommen, daß zum Jahresende die Zinsen bis auf 7,5 Prozent zurückgehen.

Solche Aussichten haben einige inländische institutionelle Anleger bewogen, einen Teil ihrer liquiden Mittel in Renten anzulegen und auch ihren Aktienanteil aufzustocken. Dies geschieht allerdings sehr vorsichtig, weil noch immer auf günstigere Einstiegsmöglichkeiten gewartet wird. Die Folge davon ist, daß sich der Deutsche Aktienindex (Dax) seit einiger Zeit seitwärts bewegt. An liquiden Mitteln mangelt es sicher nicht: Allein 400 Milliarden Mark sind noch immer abrufbereit auf den Termingeldkonten der Kreditinstitute geparkt.

Uneinig sind sich derzeitig die Anlageexperten in der Frage, welche Papiere am Anfang einer nachhaltigen Aufwärtsbewegung stehen werden. Immer mehr scheint sich die Auffassung durchzusetzen, daß es die Aktien sein werden, die unter der konjunkturellen Abschwächung am meisten gelitten haben. Dazu werden vor allem die Maschinenbauwerte gerechnet. Aber auch die Aktien der Großchemie gelten unter Marktkennern als künftige Favoriten.

Wenn bei ihnen die Umsätze recht respektabel sind, liegt es an der Spekulation über die für 1991 zu erwartenden Dividenden. Bald wird man Genaueres wissen: Die Chemiekonzerne haben ihre Bilanzpressekonferenzen um rund sechs Wochen vorverlegt. Gerechnet wird damit, daß BASF und Hoechst ihre Ausschüttungen um zwei auf elf Mark zurücknehmen werden, Bayer aber bei dreizehn Mark bleiben wird. Die aus der Londoner Gerüchteküche stammende Behauptung, Bayer würde auch auf elf Mark zurückgehen, dafür aber Gratisaktien verteilen, stieß in den deutschen Börsensälen auf Unglauben. Immerhin hat diese Vermutung das Geschäft mit Bayer-Aktien belebt. Ihr Kursvorsprung gegenüber BASF und Hoechst beträgt fünfzig Mark.

Einige Meinungskäufe waren in jüngster Zeit in Einzelhandelsaktien zu beobachten. Die diesjährigen Lohn- und Gehaltserhöhungen zusammen mit dem Auslaufen des Solidaritätszuschlages würden die Kaufkraft breiter Schichten erhöhen und damit letztlich die Ergebnisse der Konsumbranche besser ausfallen lassen, als die Analysten bisher angenommen haben. Sollte sich die Mehrwertsteuererhöhung bald konkret abzeichnen, könnten vorgezogene Käufe die Kassen zusätzlich klingeln lassen. K. W.