Über meinem Kopf hörte ich die Lawine ein Vaterunserlang vorüberrauschen, die durch ihre Schwere mich nur um so schmerzlicher an die eisige Kluftwand andrückte. Ich war so fest im Schnee eingegraben, daß ich außer dem rechten Arm, unter dem ich meine Hacke spürte, kein Glied rühren konnte.“

Dieses Erlebnis des kaiserlich-königlichen Revierförsters Paul Rohregger wurde 1841 in der Topographie „Ober-Pinzgau“ wiedergegeben. Dreizehn Jahre zuvor hatte sich das Unglück zugetragen. Der Bericht aus dem habsburgischen Österreich ist das erste detaillierte Zeugnis eines Lawinenunfalls.

Im Sommer 1828 sollte der mächtige Großvenediger bestiegen werden, der 3674 Meter hohe Gipfel im Tauernhauptkamm. Auch 42 Jahre nachdem das Dach Europas, der 4807 Meter hohe Montblanc, erstmals erklommen worden war, widersetzte sich die wilde Gletschernatur des Großvenedigers noch allen Versuchen einer Erstbesteigung. Eine Herausforderung, die einen bunten Hund des Alpinismus anlockte und zu kühnen Träumen verführte. Es war der dem einfachen Volk tief verbundene Erzherzog Johann, mit seinen 46 Lebensjahren ein romantischer Aussteiger, glühender Alpinist und schwarzes Schaf der kaiserlichen Familie in Wien.

Von Neukirchen aus brach die siebzehnköpfige Partie auf unter Führung des Bramberger Försters Rohregger. Am 2. August erreichten sie den Gipfelgrat und stiegen in die verschneite Nordwestwand ein, bis Rohregger ungefähr 150 Höhenmeter unterhalb des Gipfels eine Lawine lostrat, mit ihr in der Tiefe verschwand und mit Rippenbrüchen überlebte.

Die Expedition verzichtete auf den Gipfel, der dann erst vierzehn Jahre später erstmals von Menschen betreten wurde, vor genau 150 Jahren.

So unerbittlich die Natur den Menschen lehrt, erst menschliche Grausamkeit machte Lawinen zu Massengräbern für Tausende. Rund 40 000 Opfer zwischen 1915 und 1918, so lautet die vorsichtige Schätzung. Es gibt Chroniken des Ersten Weltkrieges, die sogar von 80 000 Verschütteten berichten.

Italienische Alpini und österreichische Gebirgsjäger begnügten sich keineswegs damit, einander aus den Wänden und von den Gipfeln der Dolomiten zu schießen. Die eigentliche Ausrottung fand im Winter statt, als Lawinenhänge unter Feuer genommen wurden. Einzelne Granaten genügten, um Millionen Tonnen labilen Schnees in Bewegung zu setzen, um Tausende frierender Leidensgenossen auf der Gegenseite jämmerlich zu ersticken. So sollen einmal innerhalb von 48 Stunden 6000 Österreicher umgekommen sein, bei den Italienern anderntags nicht viel weniger. Am 12. Dezember 1916 forderte eine Lawine auf der Marmolada 253 Mann. Die Zensur unterdrückte die Nachrichten: Berge, mißbraucht als Instrumente des Massenmordes; ein Tod, der von Veteranenverbänden oft bis heute als Heldentum verherrlicht wird.