Gelassen blickt Kardinal Fesch von seinem Sockel herab auf das Treiben in der Altstadtstraße, die seinen Namen trägt. Wer sich von ihm nicht abschrecken läßt und den klassizistischen Palast hinter seinem Rücken betritt, wird überrascht: Hier in Korsikas Hauptstadt Ajaccio befindet sich seit 1852 eine der beeindruckendsten Sammlungen italienischer Tafelbilder vom 14. bis zum frühen 19. Jahrhundert.

Etwa zehn Jahre lang war das Musée Fesch wegen Renovierung geschlossen, bis es vor einiger Zeit wieder geöffnet wurde; rechtzeitig zum Jubiläum der Geburtsstadt Kaiser Napoleons I., die 1492 gegründet wurde. Mit der Geschichte des großen Korsen und seines Clans sind der Palast, die Bibliothek in seinem Nordflügel und die kaiserliche Kapelle eng verbunden. Auch die Sammlung Fesch, die in lichtdurchfluteten Sälen auf zwei von drei Stockwerken des Zentralbaus untergebracht wurde, gehört eng zur Familiengeschichte.

Beim Tode des Sammlers im Jahre 1839 umfaßte die Kollektion etwa 16 000 Gemälde. Über 1000 sind in Ajaccio geblieben, 334 werden ausgestellt.

Am bedeutendsten ist die Sammlung der älteren „Primitiven“, denen Feschs besondere Liebe galt. Sie beeindrucken selbst einen Laien, der von Tizian (um 1477 bis 1576) – in Ajaccio hängt sein „Mann mit Handschuhen“ – oder Botticelli (1445 bis 1510) allenfalls den Namen kennt. Botticellis Jungfrau mit Kind und Engel“ bremst jeden notorischen Museumsdauerläufer. Die „Madonna mit Girlande“ gilt als eines seiner Hauptwerke. Boccatis (gestorben 1480) „Madonna mit musizierenden Engeln“ zählt die Fachwelt zu den bedeutendsten Werken italienischer Kunst, und man muß nicht einmal religiös sein, um von dem Gemälde „Die mystische Hochzeit der heiligen Catharina“ gefesselt zu werden, die Niccolö di Tommaso (um 1330 bis 1348) gemalt hat.

Auch Kardinal Fesch, dem die Stadt Ajaccio die Sammlung verdankt, fühlte sich von diesem Werk angesprochen. Dabei hatte er es in der weltlichsten Phase seiner bewegten Biographie erworben – und vermutlich arg am Rande der Legalität, wenn man die Lebensgeschichte des Kirchenmannes betrachtet.

Fesch: Der Name stammt aus der Schweiz, wie der Vater des Kardinals. Der war als Offizier im Dienste der Republik Genua nach Korsika gekommen, um gegen die Korsen seinen Sold zu verdienen. Die Liebe ließ ihn die Front und die Konfession wechseln: Er heiratete Angela Maria Pietra, verwitwete Ramolino. Ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes Joseph Fesch ehelichte ihre Tochter aus erster Ehe, die vierzehnjährige Laetitia Ramolino, einen gewissen Charles Bonaparte. So kam es, daß deren Sohn Napoleon nicht viel jünger war, als sein Onkel Joseph Fesch. Der spätere Kaiser wurde am 15. August 1769 geboren, drei Monate nach der letzten Schlacht der Korsen im vergeblichen Kampf um ihre Unabhängigkeit.