Menschlichkeit im Holocaust: Die bitteren Erfahrungen des Berthold Beitz in Ostgalizien 1941-44

Von Thomas Sandkühler

Am 17. Februar 1943, einem kalten und regnerischen Mittwoch, war Mina Horowitz mit ihrer zweijährigen Tochter Rehle im ungeheizten Saal des Kinos „Colloseum“ in Boryslaw eingesperrt. Mit ihr pferchte die SS auf engstem Raum rund 650 sogenannte „illegale“ Juden zusammen, die sie in den letzten zwei Tagen im Zwangsarbeitslager und im Ghetto der ostgalizischen Stadt zusammengetrieben hatte, um sie zu erschießen. Ein „illegaler“ Jude – das war in den Augen der SS einer, der nicht als „Rüstungsjude“ ausgewiesen und trotzdem noch am Leben war. Betroffene der „Aktion“ waren folglich vor allem alte Menschen und die Angehörigen der „Rüstungsjuden“, die für die deutsche Kriegswirtschaft als Zwangsarbeiter tätig waren.

Im Kino sah Frau Horowitz entsetzliche Szenen. Die Menschen ergrauten vor Angst und Entsetzen innerhalb von Minuten, andere wurden wahnsinnig oder versuchten, sich zu erhängen. Am Morgen begann die Erschießung. Zuerst kamen die kleinen Kinder an die Reihe. Die Mörder warfen auch Rehle Horowitz auf einen Laster, karrten sie zum Schlachthof außerhalb des Ortes und erschossen sie vor dem bereits ausgehobenen Massengrab, während ihre Mutter zurückblieb. Kurze Zeit später hörte diese, wie jemand laut nach „Frau Horowitz und Kind“ rief. Da sie regelrecht erstarrt war, wurde die Frau von hilfreichen Händen in Richtung Ausgang geschoben.

Vor dem Kino sah sie Berthold Beitz neben dem Kommandeur der örtlichen Schutzpolizei stehen, eine Liste in der Hand. Als kaufmännischem Leiter bei der deutschen Karpathen-Öl AG in Boryslaw unterstanden dem damals 29jährigen Beitz 1943 rund 10 000 durchweg „fremdvölkische“ Arbeiter – Ukrainer, Polen, sowjetische Kriegsgefangene und knapp 1000 „Rüstungsjuden“. Daß im Frühjahr 1943 überhaupt noch so viele „Mackabäer“ (wie der deutsche Generalgouverneur in Polen, Hans Frank, die „Rüstungsjuden“ in jenen Tagen zu nennen beliebte) in Boryslaw lebten, war vor allem das Verdienst von Beitz.

Schon im Spätsommer 1941 hatte er unter dem Zwang, die Erdölproduktion mit allen Mitteln zu steigern, jüdische Fachkräfte in seiner Verwaltungsabteilung eingestellt. Zu einigen von ihnen bestand inzwischen ein freundschaftliches Verhältnis. Das war für sie, die jederzeit Zugang zu Beitz hatten, für ihre Angehörigen, ja sogar für entferntere Freunde eine Überlebensgarantie. Auf ihre Bitte hin war Beitz bei vorangegangenen „Aktionen“ immer wieder an der jeweiligen „Sammelstelle“ erschienen, um bei der SS Juden als angebliche Fachkräfte zu reklamieren und dadurch zu retten.

Auch an diesem Morgen war Beitz auf Bitten seiner Angestellten, darunter der Ehemann der Frau Horowitz, sofort aktiv geworden. Am Kino angekommen, hatte er eine Liste der „Rüstungsjuden“ gezückt und den Schupo-Kommandeur aufgefordert, die Ehefrauen und Kinder einiger seiner besten Fachkräfte herauszugeben: Im Interesse der ungestörten Produktion müßten die Familien der „Rüstungsjuden“ zusammengehalten, daher Frau und Kind Horowitz und einige andere Frauen von der Erschießung ausgenommen werden. Das zog.