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Menschlichkeit im Holocaust: Die bitteren Erfahrungen des Berthold Beitz in Ostgalizien 1941-44

Von Thomas Sandkühler

Am 17. Februar 1943, einem kalten und regnerischen Mittwoch, war Mina Horowitz mit ihrer zweijährigen Tochter Rehle im ungeheizten Saal des Kinos "Colloseum" in Boryslaw eingesperrt. Mit ihr pferchte die SS auf engstem Raum rund 650 sogenannte "illegale" Juden zusammen, die sie in den letzten zwei Tagen im Zwangsarbeitslager und im Ghetto der ostgalizischen Stadt zusammengetrieben hatte, um sie zu erschießen. Ein "illegaler" Jude – das war in den Augen der SS einer, der nicht als "Rüstungsjude" ausgewiesen und trotzdem noch am Leben war. Betroffene der "Aktion" waren folglich vor allem alte Menschen und die Angehörigen der "Rüstungsjuden", die für die deutsche Kriegswirtschaft als Zwangsarbeiter tätig waren.

Im Kino sah Frau Horowitz entsetzliche Szenen. Die Menschen ergrauten vor Angst und Entsetzen innerhalb von Minuten, andere wurden wahnsinnig oder versuchten, sich zu erhängen. Am Morgen begann die Erschießung. Zuerst kamen die kleinen Kinder an die Reihe. Die Mörder warfen auch Rehle Horowitz auf einen Laster, karrten sie zum Schlachthof außerhalb des Ortes und erschossen sie vor dem bereits ausgehobenen Massengrab, während ihre Mutter zurückblieb. Kurze Zeit später hörte diese, wie jemand laut nach "Frau Horowitz und Kind" rief. Da sie regelrecht erstarrt war, wurde die Frau von hilfreichen Händen in Richtung Ausgang geschoben.

Vor dem Kino sah sie Berthold Beitz neben dem Kommandeur der örtlichen Schutzpolizei stehen, eine Liste in der Hand. Als kaufmännischem Leiter bei der deutschen Karpathen-Öl AG in Boryslaw unterstanden dem damals 29jährigen Beitz 1943 rund 10 000 durchweg "fremdvölkische" Arbeiter – Ukrainer, Polen, sowjetische Kriegsgefangene und knapp 1000 "Rüstungsjuden". Daß im Frühjahr 1943 überhaupt noch so viele "Mackabäer" (wie der deutsche Generalgouverneur in Polen, Hans Frank, die "Rüstungsjuden" in jenen Tagen zu nennen beliebte) in Boryslaw lebten, war vor allem das Verdienst von Beitz.

Schon im Spätsommer 1941 hatte er unter dem Zwang, die Erdölproduktion mit allen Mitteln zu steigern, jüdische Fachkräfte in seiner Verwaltungsabteilung eingestellt. Zu einigen von ihnen bestand inzwischen ein freundschaftliches Verhältnis. Das war für sie, die jederzeit Zugang zu Beitz hatten, für ihre Angehörigen, ja sogar für entferntere Freunde eine Überlebensgarantie. Auf ihre Bitte hin war Beitz bei vorangegangenen "Aktionen" immer wieder an der jeweiligen "Sammelstelle" erschienen, um bei der SS Juden als angebliche Fachkräfte zu reklamieren und dadurch zu retten.

Auch an diesem Morgen war Beitz auf Bitten seiner Angestellten, darunter der Ehemann der Frau Horowitz, sofort aktiv geworden. Am Kino angekommen, hatte er eine Liste der "Rüstungsjuden" gezückt und den Schupo-Kommandeur aufgefordert, die Ehefrauen und Kinder einiger seiner besten Fachkräfte herauszugeben: Im Interesse der ungestörten Produktion müßten die Familien der "Rüstungsjuden" zusammengehalten, daher Frau und Kind Horowitz und einige andere Frauen von der Erschießung ausgenommen werden. Das zog.

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Mutter oder Kind?

Von Beitz nach ihrem Kind gefragt, nahm Frau Horowitz jedoch statt des von ihm erwarteten kleinen Mädchens einen etwa neunjährigen Jungen an die Hand, in der plötzlichen Eingebung, "daß ich vielleicht ein Kind retten könnte, an Stelle des meinen", wie sie sich heute erinnert. Die Situation war gefährlich. Würde die Rettung gelingen, ohne daß der Polizist den Betrug durchschaute?

Dieses Risiko wollte Beitz nicht eingehen. "Frau Horowitz, Sie sind frei. Bleiben Sie in der Ecke stehen, und das Kind bleibt hier." So weit wie diese Frau war Beitz nie gegangen und konnte er nicht gehen, weil der Erfolg seiner Rettungsinitiativen entscheidend davon abhing, daß er sich an die Spielregeln der SS hielt.

Beitz wurde jetzt aber erneut bewußt, welcher perversen Logik er sich damit auslieferte, wie begrenzt seine Möglichkeiten doch waren. Obwohl selber Vater einer kleinen Tochter, mußte Beitz ausgerechnet die Ermordung von Kindern ohnmächtig hinnehmen, weil sie beim besten Willen nicht als kriegswichtige Arbeitskräfte ausgegeben werden konnten. Als Frau Horowitz jedoch energisch darauf bestand, den Jungen mitzunehmen, stimmte Beitz zu. Die Rettung der beiden gelang.

Kurze Zeit nachdem er wieder in seinem Büro angekommen war, wurde Beitz nochmals um Hilfe gebeten. Die Nichte eines seiner engsten jüdischen Mitarbeiter war noch im "Colloseum" eingesperrt. Beitz machte sich wieder auf den Weg, stellte aber am Kino fest, daß die junge Frau bereits auf einem Lkw zur Vernichtungsstätte unterwegs war. Beitz fuhr hinterher und stoppte kurz vor dem Schlachthof auf offener Straße den Transport.

Diesmal log er den Schupo-Kommandeur an, auf dem Wagen sitze seine Sekretärin, eine "Rüstungsjüdin", auf die er nicht verzichten könne. Als der Polizeichef die Frau mit zynischer Höflichkeit fragte: "Bitte, wo sind deine Papiere?", log Beitz mit Erfolg weiter, dies sei seine Sekretärin, ihr Ausweis zur Verlängerung in der Firma. Beitz nahm ihr die Armbinde mit dem Davidstern ab und übergab sie einem seiner ukrainischen Arbeiter. Sie erhielt später das "R"-Abzeichen (für "Rüstungsjude") und überlebte so den Krieg.

Statt zurück zur Firma fuhr Beitz nun aber zum nahe gelegenen Schlachthof. Vielleicht hatte er die vage Hoffnung, dort noch etwas für die Juden tun zu können; stärker dürfte aber das Bedürfnis gewesen sein, sich selber Rechenschaft abzulegen und dem Horror, der dort zu erwarten war, nicht mehr länger auszuweichen. Nachdem er mit der Rettung des "falschen" Kindes den entscheidenden Schritt über die engen Grenzen hinaus getan hatte, die seinen Interventionen gezogen waren, war die Fahrt zum Schlachthof nur die Konsequenz.

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Massaker am Schlachthof

Dort wurde Beitz das erste Mal Augenzeuge eines deutschen Massenmordes an den Juden. Die Erschießung fand in aller Öffentlichkeit statt: Deutsche Soldaten und Zivilangestellte, Polizisten und SS-Leute, Ukrainer und Polen, sogar einige durch ihr "R"-Abzeichen leidlich geschützte Juden sahen dem Schauspiel untätig und hilflos zu.

Die Opfer mußten sich vollständig ausziehen. Anschließend führten die Mörder sie in Fünfergruppen auf eine über das Massengrab gelegte Planke und schossen ihnen ins Genick, woraufhin sie in die Grube fielen. Als das Morden beendet war, wurde das Grab zugeschaufelt. Die Erde über dem Massengrab am Schlachthof bewegte sich noch lange.

Was er sah, war für Beitz ein Schock. Er fühlte sich, so seine Erinnerung, bis aufs letzte nervlich angespannt; ihn beherrschte eine eigenartige "doppelte Empfindung": hilfloses Mitgefühl mit den getöteten Juden und eine unbändige Lust, einen der deutschen Täter sofort umzubringen. Als Beitz vom Schlachthof in sein Büro zurückkehrte, war er aschfahl und raufte sich die Haare aus dem Kopf. Seine damalige Sekretärin erinnert sich, wie Beitz immer wieder sagte: "Wenn der Krieg vorbei ist und die Welt von all diesem erfährt, wer soll dann dafür bezahlen?"

Nun wurde ihm endgültig klar, daß die SS letztlich nicht nur die jüdische Arbeitskraft rücksichtslos ausbeuten wollte, sondern den systematischen Massenmord betrieb, demgegenüber wirtschaftlicheArgumente zweitrangig waren.

Dabei hatten zunächst viele äußere Gründe für die Annahme gesprochen, daß sich die SS von wirtschaftlichen Motiven leiten ließ, nicht zuletzt Beitzens spektakuläre Rettungserfolge vom Frühjahr und Sommer 1942. In dieser Zeit hatte Beitz auf Bitten seiner jüdischen Mitarbeiter am Bahnhof von Boryslaw rund 300 Juden aus den Zügen herausgeholt, die für den Abtransport ins Vernichtungslager Belzec bereitstanden.

Die SS hatte damals die Lüge verbreitet, die Juden würden in andere Arbeitslager verlegt, und viele Juden klammerten sich an diese Hoffnung, obwohl mittlerweile Gerüchte über Vernichtungslager durchgesickert waren. Auch die SS verriet sich zeitweise – so etwa, als sie in Gegenwart von Beitz leichthin davon sprach, die von ihnen in die Waggons gepferchten jüdischen Ärzte würden auch "im Himmel" gebraucht.

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Trotzdem: Man wußte nichts Genaues, und vielleicht stimmte die Geschichte mit der Verlegung ja auch. Beitz’ Aufgabe schien es konsequenterweise zu sein, seinen Schutzbefohlenen die zweifellos harte Arbeit in den Lagern der SS zu ersparen, soweit es sich auch nur irgendwie begründen ließ. Sein Standardargument, er brauche die jüdischen Fachkräfte, erwies sich dabei als scheinbar unwiderlegbar.

Beitz fühlte sich verantwortlich für die Juden in seiner Umgebung und verband dies mit der Absicht, das "bessere" Deutschland durch aktives Handeln über die Zeit zu retten – es gebe auch anständige Deutsche, erklärte er einem jüdischen Kürschnermeister, den er und seine Frau im Winter 1941/42 in den Schutz ihres Boryslawer Hauses aufgenommen hatten. Aus diesem Selbstverständnis heraus konnte sich Beitz bis zu jenem Tag im Februar 1943 nur schwer vorstellen, daß zivilisierte Deutsche unterschiedslos Juden ermorden würden, wie nationalistische Ukrainer es Anfang Juli 1941 in Boryslaw getan hatten. Die Erkenntnis des tatsächlichen Horrors machte seinen Absturz in die Verzweiflung an diesem Februartag um so schmerzhafter.

Aus der Sicht des Jahres 1942 hatte Beitz die Möglichkeit einer Verlegung der Juden in andere Arbeitslager auch schon deshalb nicht von der Hand weisen können, weil sich die SS und die Karpathen-Öl gegenseitig laufend jüdische Arbeitskräfte zuschanzten. Man durfte also auf gleichartige wirtschaftliche Interessen schließen, die man wiederum im Interesse der Juden ausnutzen konnte.

Zum Beispiel hatte der SS-Untersturmführer Fritz Hildebrand bei mehreren "Aktionen" in Boryslaw und im benachbarten Drohobycz Zwangsarbeiter aus der Masse der verhafteten Juden selektiert und sie dem Konzern übergeben. Dabei gelang es Beitz beinahe mühelos, Hildebrand für seine Rettungsvorhaben einzuspannen. Der SS-Offizier erkannte nämlich in dem humanitären Engagement von Beitz die Chance, "nunmehr auch mal die Juden als tüchtige Handwerker und für die Karpathen-Öl als recht nützliche Menschen" kennenzulernen, wie er nach dem Krieg vor Gericht erklärte.

Tragödie auf dem Bahnsteig

Die Devotheit Hildebrands vor Beitz entsprach ungefähr der spießigen Vorliebe vieler hoher SS-Funktionäre für einen letzten Rest von bürgerlicher Wohlanständigkeit, für gepflegte Blumenrabatten und deutsche Schäferhunde. Auf diese Weise stahl man sich aus der Wirklichkeit des Massenmordes davon, den man doch täglich verübte.

Diese "Menschlichkeit" Hildebrands war nur ein schwacher Abglanz seiner Menschenverachtung; sie endete genau dort, wo die Juden seinem eigenen Seelenleben, der Ölfirma und Beitz nach der Meinung dieses mediokren Schreibtischtäters nicht mehr "nützlich" sein konnten. Hildebrand vor Gericht: "Schon im Interesse der damaligen Rüstung und der Produktion in der Karpathen-Öl habe ich mich ... stets bemüht, meine menschliche Seite zu zeigen."

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Beitz erkannte diese Dialektik nicht; er zog aus seiner Erfahrung mit Hildebrand die falsche Lehre, man könne die SS insgesamt mit dem Argument der "Produktivität" zähmen und erziehen. Das erwies sich jedoch an diesem 17. Februar 1943 als eine fatale Fehleinschätzung; rückblickend erschienen Beitz nun auch die vergangenen Ereignisse in einem klareren Licht.

Während seiner Rettungsaktionen im Frühjahr und Sommer 1942 hatte Beitz eine verwirrende Erfahrung gemacht: Nicht weit von ihm auf dem Bahnsteig in Boryslaw stand ein SS-Offizier aus Lemberg und selektierte 150 jüdische Fachkräfte für die Zwangsarbeit in Himmlers "Deutschen Ausrüstungswerken", während Beitz selber unter den Augen des SS-Offiziers eine ebenso große Zahl von Juden aus den Waggons herausholte.

Einmal war es dabei zu einem tragischen Konflikt gekommen: Beitz wurde von einer seiner jungen Sekretärinnen um ihr Leben und das Leben ihrer Mutter angefleht. Der Adjutant des Lemberger SS-Offiziers, der in Beitz vor allem den Vertreter einer Firma sah, mit deren Bossen man sich gut stand, überließ ihm mit den Worten "Schenk’ ich Ihnen" die junge Frau und schickte deren Mutter wieder zurück in den Waggon. Man war nicht kleinlich. Auch Beitz sollte seinen "anständigen Juden" bekommen (den nach den Worten des Reichsführers SS Heinrich Himmler jeder Deutsche hatte). Später war immer noch genug Zeit, auch diese Frau "umzusiedeln" (ein Tarnwort für Mord).

Der Schrecken über die Inhumanität dieser SS-Typen wurde für Beitz noch dadurch überboten, daß die junge Frau, die ihm da eben geschenkt worden war wie eine Flasche Cognac, ihn nun als den Herrn über ihr Leben in aller Demut darum bat, wieder in den Wagen zurück zu ihrer Mutter gehen und deren Schicksal teilen zu dürfen: "Herr Direktor, ist es erlaubt...?" Was sollte man dazu sagen?

Aber erst im folgenden Jahr, an jenem Februartag 1943, wurde ihm blitzartig klar, daß solche Erfahrungen nicht eine Ausnahme, sondern die Regel der Verhältnisse in Galizien darstellte, an denen auch er teilgehabt hatte; daß all diejenigen Juden, die er in jenen Monaten nicht hatte retten können, ausnahmslos umgebracht worden waren; daß sich die Strategie der "Rettung durch Arbeit" zu einer Handlungsfalle entwickelt und ihn zum Herrn über Leben und Tod hatte werden lassen; daß die SS "Vernichtung" meinte, wenn sie "Arbeit" sagte.

Blick in den Abgrund

Auch sein nationalkonservatives Weltbild ging damals in die Brüche. Darin liegt der tiefere Grund, warum er es vehement ablehnt, sein Handeln als "Widerstand" zu bezeichnen. "Das war kein Antifaschismus, kein Widerstand, das hatte allein zu tun mit einer rein menschlichen Einstellung." Die schlichte Menschlichkeit machte in jener Zeit jedoch anfällig für Selbsttäuschungen und Illusionen, einfach deshalb, weil man seinem Gesprächspartner, also dem SS-Offizier, wenigstens einen Funken dessen zubilligen mußte, was man selber in sich trug, wollte man nicht den Verstand verlieren.

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Bis zu jenem Tag im Februar 1943 hatte sich Beitz gefühlt "wie ein Mann, der auf einem dünnen Baumstamm über einen dunklen Abgrund balanciert und nur deshalb nicht abstürzt, weil er nicht sieht, wie tief der Abgrund unter ihm wirklich ist". Trefflicher und ehrlicher könnte man es nicht ausdrücken. Jetzt hatte Beitz in den Abgrund gesehen. Das sollte Folgen haben.

Schon bei der nächsten "Aktion" in Boryslaw (vom 21. bis zum 23. Mai 1943) hatte Beitz aus seinen Erfahrungen gelernt. Seine neue Strategie war nun: nach außen hin maximale Anpassung, in der Sache aber totale Verweigerung. Zuvor hatte er einen Ukas der Firmenleitung erhalten, fünfzig "ungelernte Rüstungsjuden" an die SS auszuliefern und die "dadurch freiwerdenden R-Abzeichen den Drohobyczer Raffinerien zur Verfügung zu stellen".

Der wirtschaftliche Hintergrund dieser Anweisung war, daß die SS der Karpathen-Öl nur eine begrenzte Zahl dieser Abzeichen zugebilligt hatte, die fest mit der Kleidung der "Rüstungsjuden" vernäht sein sollten. Da die Firma aber, ebenso wie andere Rüstungsbetriebe im Generalgouvernement, dringend auf die jüdischen Fachkräfte angewiesen war, hielt sie sich nicht an diese Anordnung, sondern jonglierte im Umgang mit der SS beständig mit den "R"-Abzeichen, um ihren Bestand an jüdischen Arbeitskräften in den wichtigen Betriebsteilen sicherzustellen oder sogar zu vergrößern.

Dieses Verhalten fügte sich in einen durch und durch korrupten Zusammenhang: Denn auch die SS war an einem freien Umlauf der lebensrettenden "R"-Abzeichen interessiert, die sie für Tausende von Dollar an solche Juden verkaufte, die noch über Mittel verfügten. Das Ergebnis war beiderseits eine totale Entmenschlichung der Juden – es zählte nicht die Arbeit, die sie verrichteten, sondern das Abzeichen, das sie trugen; nicht der individuelle Mensch zählte, sondern sein Rang in einer perversen Klassenpyramide, die über Leben und Tod entschied.

Es war nun eine besondere Ironie, daß der Verwaltungsleiter der Raffinerien in Drohobycz jene Anweisung an Beitz erwirkt hatte, um seinerseits ihm nahestehende jüdische Fachkräfte zu retten, welche die SS in Drohobycz zusammengetrieben und zum Abtransport nach Auschwitz eingesperrt hatte. Mit Hilfe der Boryslawer "R"-Abzeichen wollte er sie zurückholen, wie er es in den vergangenen Monaten immer wieder getan hatte.

Es ist bezeichnend für die Ausweglosigkeit der damaligen Situation, daß selbst Beitz’ Konkurrent in Drohobycz seine humanitären Ziele mit unmenschlichen Mitteln zu erreichen suchte, indem er von Beitz wie selbstverständlich verlangte, in Boryslaw die unteren Ränge der "Rüstungsjuden" zur Vernichtung freizugeben, um in Drohobycz die oberen zu schützen.

Beitz weigerte sich, dieser Logik nachzugeben und von sich aus auch nur ein Menschenleben zu opfern. Pro forma erklärte er sich zwar bereit, wenigstens dreißig "R"-Abzeichen für die Sicherung der Drohobyczer Fachkräfte abzugeben, faktisch tat er jedoch nichts dergleichen und hielt seinen Konkurrenten drei Tage lang hin. Um doch noch irgendwie an die "R"-Abzeichen heranzukommen, die er für die Rettung der von der SS zusammengetriebenen Juden brauchte, griff er zu einem bewährten Mittel: Er versteckte fünfzig seiner "Rüstungsjuden" in einem Heizungskeller der Raffinerie, nahm ihnen ihre Abzeichen weg und ergänzte diese durch eine gefälschte Namensliste. Anschließend fuhr er zum Gefängnis, wo die SS die Juden eingesperrt hatte. Dort angekommen, versuchte er, der SS weiszumachen, diese "R-"-Abzeichen gehörten wichtigen jüdischen Zwangsarbeitern, die sie versehentlich festgenommen habe und nun wieder herausgeben müsse.

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Die SS hatte aber inzwischen herausbekommen, woher diese Abzeichen wirklich stammten. Sie stellte fest, daß die Zahl der jüdischen Arbeitskräfte in den Raffinerien von Drohobycz während der letzten "Aktionen" laufend angestiegen siatt gesunken, die der "legalen" Rüstungsjuden aber konstant geblieben war. Daraus ergab sich logisch, daß Beitz’ Konkurrent der SS in den vergangenen Monaten ganz einfach ein und dieselben Abzeichen immer wieder vorgelegt und dadurch die Zahl seiner jüdischen Arbeitskräfte stillschweigend erhöht hatte.

Beitz warnt die Juden

Diesem Trick war die SS nun auf die Schliche gekommen. Statt dem Wunsch des Raffinerieleiters in Drohobycz zu folgen, legte sie ihm eine Liste von 43 eingesperrten jüdischen Handwerkern vor, von denen er sich aber nur "29 zuweisen ließ", wie es in einer internen Firmennctiz hieß. Die restlichen 14 Juden wurden abtransportiert. Die Selektion, die er Beitz zugemutet hatte, mußte er nun selber ausführen, um bei der SS seine Glaubwürdigkeit als Vertreter der Rüstungsindustrie zu beweisen und seinen Kopf zu retten. Himmlers Schergen zogen ihrerseits die Schraube weiter an und drängten die Firma nun um so mehr, "überflüssige" Juden auszuliefern.

Beitz schrieb daraufhin am 19. Oktober 1943 einen Brief an den SS- und Polizeiführer des Distrikts Galizien. Das war zu diesem Zeitpunkt kein geringerer als Jürgen Stroop, der – nachdem unter seinem Befehl das Warschauer Ghetto ausgelöscht worden war – Fritz Katzmann in Lemberg abgelöst hatte. Beitz spielte souverän und erstaunlich selbstbewußt auf der Klaviatur der SS, um seine Juden zu schützen.

"Durch die Isolierung der Juden in einem Zwangsarbeitslager", beruhigte er Stroop, "ist die Gefahr der Sabotage in unserem sehr empfindlichen Betriebe stark herabgemindert, wobei psychologische Momente ebenfalls eine ausschlaggebende Rolle spielen." Die Angst der Lagerinsassen habe jedoch auch eine negative Seite, denn jede noch so kleine "Abziehung" brächte Unruhe in den Betrieb. "Wir sind dann gezwungen, Teile des Betriebes stillzulegen, worauf wir der Verantwortung wegen besonders hinweisen wollen."

Beitz’ Vorgesetzte sahen das ganz anders. Die Juden würden über kurz oder lang ohnehin den Betrieben entzogen, hieß es kurze Zeit später in einer Dienstanweisung. Daher müsse die Firma "nach strengem Ermessen entscheiden, wer wirklich als Fachkraft für uns unersetzlich bzw. äußerst wichtig ist und wen wir evtl. abgeben können ... Dies kann dazu führen, daß uns beispielsweise 2/3 genommen werden, 1/3, die aber besonders wichtig für uns sind, für uns umso sicherer sind."

Gleich am nächsten Tag erschien bei Beitz in Boryslaw ein Prokurist, um diese Auslese "nach strengem Ermessen" vorzunehmen. Zunächst einmal stellte er beleidigt fest, daß Beitz seinen Juden immer noch die volle Lebensmittelration der Polen und darüber hinaus sogar Sonderzuteilungen zukommen ließ. Sodann ging er in Beitz’ Gegenwart die Liste der Boryslawer "Rüstungsjuden" durch und lieferte 900 von ihnen als "abgabefähig" ans Messer.

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Das war die Grundlage zu einem bemerkenswerten Handel zwischen Firmenleitung und SS, inspiriert vom Geist des gegenseitigen Respekts, den man sich schon 1942 erwiesen hatte. Die Karpathen-Öl bot der SS unter dem Eindruck der näherrückenden Ostfront, ohne Wissen von Beitz, ihre "abgabefähigen" Juden von sich aus für einen Einsatz im Zwangsarbeitslager Plaszow für einen kau an, wo Himmlers Deutsche Ausrüstungswerke einen Zweigbetrieb unterhielten. Im Gegenzug sollte die SS für den ungefährdeten Einsatz der besonders qualifizierten "Rüstungsjuden" in der westgalizischen Raffinerie Jaslo sorgen, wo die Firma ein eigenes Zwangsarbeitslager für die Juden aufbaute.

Beitz erfuhr dann von der geplanten Auflösung des Lagers Boryslaw, warnte seine jüdischen Angestellten und beschwor sie, aus dem Lager in die Wälder zu flüchten, wo sie sich bis zur Ankunft der Russen verstecken sollten. Zu ihrem großen Verdruß konnte die SS daher am 13. April 1944 nur 400 statt 1200 Juden zusammentreiben und lenkte den gesamten Zug kurzerhand nach Plaszow um, ohne, wie versprochen, einen Teil der Juden nach Jaslo zu schicken. Das Lager Plaszow wurde dann im Frühsommer 1944 aufgelöst, und die letzten Juden Boryslaws traten ihren Leidensweg nach Auschwitz und in andere Lager an.

Todeslager Boryslaw

Einige von ihnen hatten Glück im Unglück und wechselten aus der Obhut des Judenretters Beitz in die eines anderen: des Industriellen Oskar Schindler, der in Krakau ein kriegswichtiges Unternehmen betrieb. Er zog nach der Auflösung des Lagers mit seinen "Schindlerjuden" in das sudetendeutsche Lager Brünnlitz um, welches Schindler einzig und allein zu dem Zweck errichtet hatte, seine Juden zu schützen. Dort überlebten sie den Krieg, unter ihnen auch Beitz’ jüdische Sekretärin.

Beitz war zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr in Boryslaw. Er wurde Ende Februar 1944 zur Wehrmacht eingezogen. In den Monaten nach seiner Einberufung verwandelte sich das Lager Boryslaw in ein "Todeslager", wie es 1944 in einem in den USA erschienenen Bulletin des jüdischen Untergrunds hieß. Beitz sei immer geneigt gewesen, das Leben der Juden zu schonen, "weil er sie so dringend brauchte". Deshalb seien die Lebensbedingungen im Lager Boryslaw auch viel erträglicher gewesen als anderswo. Damit war es nun vorbei.

Die SS machte in den Wäldern Jagd auf die von Beitz vorgewarnten, geflüchteten Juden und erschoß etliche von ihnen wegen "Widersetzlichkeit". Am 21. Juni 1944 wurde erneut ein Transport nach Plaszow in Marsch gesetzt; am 22. Juli verließ der letzte Zug Boryslaw mit Ziel Auschwitz, wo er am 7. August ankam. Am selben Tag marschierte die Rote Armee in Boryslaw ein. Von ursprünglich rund 15 000 Mitgliedern einer blühenden jüdischen Gemeinde waren bei Kriegsende nur noch wenige hundert am Leben – viele von ihnen dank Berthold Beitz.

Berthold Beitz wurde im Jahr 1973 von der staatlichen Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem mit der hohen Auszeichnung eines "Gerechten unter den Völkern" geehrt. Erst im Mai 1990 reiste er nach Jerusalem, um in der Allee der Gerechten von Yad Vashem das traditionelle Bäumchen zu pflanzen. In seiner Laudatio für Beitz zitierte der Historiker Jitzchak Arad das Motto der Gedenkstätte: "Wer aber eine Seele rettet, rettet die ganze Welt, und wer eine Seele vernichtet, vernichtet die ganze Welt."

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Dieses Motto umschreibt den politischen Auftrag, den das israelische Parlament 1953 an Yad Vashem stellte. Die Opfer des Holocaust und ihre nichtjüdischen Helfer werden in Israel ebenso zu Helden und Märtyrern stilisiert wie über eine lange Zeit hinweg die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 in der Bundesrepublik. Seriöse historische Forschungsarbeiten über die Judenretter fehlen in beiden Ländern noch weitgehend. Statt dessen überwiegen populärwissenschaftliche Darstellungen, in denen das Bild des "unbesungenen Helden" mit breitem Strich und deutlichem Schwerpunkt auf dem zweiten Wort dieses Begriffspaares gemalt wird.

Heldentum und Menschlichkeit konnten indes unter den vollständig inhumanen Bedingungen des Holocaust nur gebrochen sein, weil der Völkermord an den Juden auch in Boryslaw ein "Zivilisationsbruch" (Dan Diner) war, den selbst Berthold Beitz nicht kitten konnte.

Dennoch lautet mit Hannah Arendt die Lehre aus der Geschichte des Judenretters Beitz "politisch gesprochen, daß unter den Bedingungen des Terrors die meisten Leute sich fügen, einige aber nicht... Menschlich gesprochen ist mehr nicht vonnöten und kann vernünftigerweise mehr nicht verlangt werden, damit dieser Planet ein Ort bleibt, wo Menschen wohnen können."