Mutter oder Kind?

Von Beitz nach ihrem Kind gefragt, nahm Frau Horowitz jedoch statt des von ihm erwarteten kleinen Mädchens einen etwa neunjährigen Jungen an die Hand, in der plötzlichen Eingebung, "daß ich vielleicht ein Kind retten könnte, an Stelle des meinen", wie sie sich heute erinnert. Die Situation war gefährlich. Würde die Rettung gelingen, ohne daß der Polizist den Betrug durchschaute?

Dieses Risiko wollte Beitz nicht eingehen. "Frau Horowitz, Sie sind frei. Bleiben Sie in der Ecke stehen, und das Kind bleibt hier." So weit wie diese Frau war Beitz nie gegangen und konnte er nicht gehen, weil der Erfolg seiner Rettungsinitiativen entscheidend davon abhing, daß er sich an die Spielregeln der SS hielt.

Beitz wurde jetzt aber erneut bewußt, welcher perversen Logik er sich damit auslieferte, wie begrenzt seine Möglichkeiten doch waren. Obwohl selber Vater einer kleinen Tochter, mußte Beitz ausgerechnet die Ermordung von Kindern ohnmächtig hinnehmen, weil sie beim besten Willen nicht als kriegswichtige Arbeitskräfte ausgegeben werden konnten. Als Frau Horowitz jedoch energisch darauf bestand, den Jungen mitzunehmen, stimmte Beitz zu. Die Rettung der beiden gelang.

Kurze Zeit nachdem er wieder in seinem Büro angekommen war, wurde Beitz nochmals um Hilfe gebeten. Die Nichte eines seiner engsten jüdischen Mitarbeiter war noch im "Colloseum" eingesperrt. Beitz machte sich wieder auf den Weg, stellte aber am Kino fest, daß die junge Frau bereits auf einem Lkw zur Vernichtungsstätte unterwegs war. Beitz fuhr hinterher und stoppte kurz vor dem Schlachthof auf offener Straße den Transport.

Diesmal log er den Schupo-Kommandeur an, auf dem Wagen sitze seine Sekretärin, eine "Rüstungsjüdin", auf die er nicht verzichten könne. Als der Polizeichef die Frau mit zynischer Höflichkeit fragte: "Bitte, wo sind deine Papiere?", log Beitz mit Erfolg weiter, dies sei seine Sekretärin, ihr Ausweis zur Verlängerung in der Firma. Beitz nahm ihr die Armbinde mit dem Davidstern ab und übergab sie einem seiner ukrainischen Arbeiter. Sie erhielt später das "R"-Abzeichen (für "Rüstungsjude") und überlebte so den Krieg.

Statt zurück zur Firma fuhr Beitz nun aber zum nahe gelegenen Schlachthof. Vielleicht hatte er die vage Hoffnung, dort noch etwas für die Juden tun zu können; stärker dürfte aber das Bedürfnis gewesen sein, sich selber Rechenschaft abzulegen und dem Horror, der dort zu erwarten war, nicht mehr länger auszuweichen. Nachdem er mit der Rettung des "falschen" Kindes den entscheidenden Schritt über die engen Grenzen hinaus getan hatte, die seinen Interventionen gezogen waren, war die Fahrt zum Schlachthof nur die Konsequenz.