Von Michael Schmitz

WIEN. – Nein, wir wollen keine Vorwürfe erheben. Deshalb fragen wir, die Linken im Westen, nicht, wie wir die DDR-Diktatur gestützt und der Opposition das Leben erschwert haben. Unsere Entschuldigung nennen wir "Entspannungspolitik".

Wir linken Journalisten aus der Bundesrepublik haben sie auf unsere Weise mit in Szene gesetzt. Zum Beispiel, wenn Erich Honecker nach strengem Ritual Engholm, Vogel und all die anderen empfing, um sich selbst und dem Volk auf diese Weise die Reputation des sozialistischen deutschen Staates zu demonstrieren. Zu den offiziellen Phototerminen erschienen Gastgeber und Besucher stets mit bestem Fernsehlächeln, vor den Kameras plauderten sie meist belanglos über das Wetter.

Wir Reporter lauschten andächtig und stellten keine Fragen, die solche deutschdeutsche Feierlichkeit hätten stören können. Das hätte als unanständig gegolten. Wir drehten die sich ständig wiederholenden Händeschüttel-Bilder, als wären wir Zeugen aufregender Normalität. Den Nachrichten war das immer eine Meldung wert. Das Fernsehen transportierte sie in alle Wohnzimmer. So kamen Politiker und Reporter ins Programm.

Hans-Jochen Vogel geriet völlig außer sich, als Journalisten doch einmal, auf einer Pressekonferenz nach einem Treffen mit Honecker, fragten, ob er mit dem Staatsratsvorsitzenden auch über Menschenrechtsverletzungen in der DDR gesprochen habe. Vogel witterte sofort dreiste Belehrung. Er konnte seine Wut kaum bändigen, als die Zusatzfrage lautete, warum die SPD den Dialog mit der SED so pflege, das Gespräch mit der Opposition jedoch völlig vernachlässige. Wahrheitswidrig stritt Vogel diesen Unterschied ab. Gesendet haben wir das nicht. Kein Interesse der Redaktionen.

Kühne Vorstellungen über einen Wandel in der DDR haben wir uns alle verboten. Wir hielten ihn für unrealistisch, also abenteuerlich. Die in der DDR akkreditierten Links-Journalisten fanden die meisten Oppositionellen ganz nett, politisch ernst genommen haben wir sie nicht. Zu moralisch, zu konfus, zu radikal. Mit diesen Kategorien bauten wir unser Raster. Die DDR, so glaubten wir, sei relativ stabil, politisch und wirtschaftlich. Wir waren sicher, sie werde nicht zusammenbrechen.

Wir hofften auf kritische Geister in der SED, die, vorsichtig gestärkt, mehrheitsfähig werden sollten. Die gesamte linke Presse hätschelte Hans Modrow als Hoffnungsträger, bevor überhaupt jemand durch eigenen Zugang einen Eindruck von dem Dresdner gewinnen konnte. Die Analyse der West-Linken war auf Vorurteilen und Wunschvorstellungen gebaut. Vor allem war sie begründet aus dem eigenen politischen Ansatz, der den dauernden Fortbestand der DDR unterstellte.