Von Johannes Groschupf

Eine Dame fragt man nicht nach ihrem Alter. Auch Fürst Wladimir Swjatoslawitsch schweigt sich darüber aus, obwohl er es doch wissen müßte. Mit einem riesigen Kreuz in der einen, der Krone des Monomach in der anderen Hand, steht er da, wo Kiew am schönsten ist, siebzig Meter über dem Dnjepr. Im zugeschneiten Wladimir-Park gehen immer noch die Liebespaare spazieren, die Lautsprecher in den kahlen Bäumen spielen klassische Musik, einige Kinderwagen fahren vorbei. Die alten Leute sind herausgekommen, um ihre Freunde zu besuchen, die zahllosen Spatzen und Krähen, und schauen über Wladimirs Schulter auf die großen Wasser des Dnjepr, der in einem sanften Bogen die Stadt umarmt.

Dies ist die Stadt der Kiewer Rus, die uralte, die goldene Stadt, die der Metropolit Ilarion um 1051 pries: "Siehe die Stadt an, die in Erhabenheit leuchtet; siehe die Kirchen an, die aufblühen; siehe das Christentum an, das wächst; siehe die ganze Stadt an, die, von den Ikonen der Heiligen erleuchtet, glänzt, die vom Weihrauch umhüllt ist, die vom Klang der Lobpreisungen und göttlichen Lieder erfüllt ist."

Nichts von alledem ist wahr. Das Gesicht des Grenzbeamten legt sich in tausend Falten, er blättert ratlos in Paß und Papieren, schüttelt verständnislos den Kopf, zieht sich dann zurück, um die Angelegenheit höheren Orts vorzutragen. Uns bleibt genug Zeit, um dem diskreten Charme der Abfertigungshalle zu erliegen und über unsere Verfehlungen nachzudenken. Ohne Visum und ohne Hotelbuchung nach Kiew zu kommen, das ist auch in diesen Tagen nicht ratsam. Möglich schon; nach drei Stunden ist alles geklärt, und wir fahren im röhrenden Wolga der herrlichen Stadt Kiew entgegen, der Mutter aller russischen Städte, der ukrainischen Metropole im ersten Winter ihrer Unabhängigkeit.

"Dollar Dollar, love love"

Alles ist möglich in dieser Zeit, die Zimmerbeschaffung kein Problem. Ein äußerst eleganter Theatermanager nimmt sich unser an. Die Damen an der Rezeption, die eben noch astronomische Summen nannten, schmelzen vor ihm dahin; der ausgehandelte Betrag müsse allerdings bis morgen früh in einem bestimmten Zimmer hinterlegt sein, sonst "problema, problema". Eine Flasche Cognac wandert in die Manteltaschen des rührigen Herrn, während der Barkeeper einen Tee aufbrüht. Der Kaffee ist momentan ausgegangen; jedoch hat einer der einheimischen Geschäftsleute, die hier ihren zwielichtigen Handel abwickeln, schon vorgesorgt. Er fördert eine Handvoll Kaffeebohnen aus den Tiefen seines Diplomatenkoffers zutage, läßt sie auf den Tresen klappern, legt einen Zehnrubelschein dazu und bekommt im Handumdrehen seinen persönlichen Kaffee serviert.

Mit dem Barkeeper läßt sich immer reden, wenn wir Wünsche haben. Er liest sie uns geradezu von den Augen ab, präsentiert uns am nächsten Morgen eine sowjetische Armbanduhr, später eine Armeemütze, einige Matrjoschkas, eine Dose zweifelhaften Kaviars, Wodka und Bier. Am Abend eines arbeitsreichen Tages möchte er uns auch herzlich gern mit einigen molligen Damen bekanntmachen, die schon glutäugig durchs Foyer schlendern. "Dollar Dollar, love love!" Wir müssen ihn enttäuschen; wir sind mit einer Dame verabredet, die schon etwas älter, aber ungleich aufregender ist.