Auch zu Beginn des Abends hatte man Intensitäten fixiert. So in der Sonate für Viola und Klavier von Dmitri Schostakowitsch, die an diesem Abend in der Fassung für Violoncello und Klavier erklang. Diese Sonate ist. das letzte Werk des russischen Komponisten. Er komponierte sie vom Krankenbett aus. Es ist ein unruhig-dramatisches, in sich hermetisch gespanntes Werk, das sich erst im Finale, quasi abgeklärt, transzendierend äußert. Die Uraufführung im Jahr 1975 hat der Komponist nicht mehr erlebt.

Guido Schiefen und Lisa Klahn verliehen diesem in seiner Expressivität wie Resignation gleich gültigen Ausnahmewerk affin eingestellte Deklamationsmelodik, arbeiteten Atmosphärisches partnerschaftlich heraus. Immer wieder begegneten sie einander in plastisch bedeutetem Piano, voll inhaltlicher Anspielungen, voll morbid sich gebender Substanz. Substanz, die eigenwillig konsequent immer wieder versandet, sich neu aufbaut und auf den finalen, ins Unendliche komponierten Defekt gnadenlos zuläuft.

Alexander Ullmann über „Kammermusik im Westend“, „Frankfurter Rundschau“, 5. Februar 1992

Filmkampf: Achternbusch siegt

Es waren einmal vor langer Zeit im wiederum schwarzen Deutschland der Landvogt Friedrich, ein böser, verschworener Gesell, und der lange Herbert, ein Plänkler und Moritatenspieler, im Streit aneinandergeraten, weil der eine dem anderen den Batzen Goldes, den sein Vorgänger ihm versprochen, nicht mehr ausbezahlen wollte. Also sprach damals der Friedrich zum Herbert: „Der Film, auch der Kinofilm, ist für viele, nicht nur für wenige da“, und verlangte von ihm auch noch das übrige Gold zurück, von dem der Herbert längst Gebrauch gemacht und ein gotteslästerliches Werk gefertigt hatte, in dem unser Heiland gar übel verlustigt und vermenschelt wurde. Weil aber der Herbert meinte, daß er mitsamt seinem Film nicht nur für wenige, sondern gar für viele da wäre, zog er gegen den Friedrich in einen langen Prozeß. Der aber ist jetzt entschieden. Der Herbert nämlich, sagt das Oberverwaltungsgericht in Münster (Az: 5 A 1320/88 vom 4. Februar 1992), darf das Gold behalten, das ihm der Friedrich wegnehmen wollte vor ewiger Zeit. Seitdem hat der Herbert, starrköpfig wie er ist, noch viele Filme gedreht, gespenstige auch. Der Friedrich aber ist lange in Pension. Und vom deutschen Kino spricht fast keiner mehr.

Hochparterre

Als die Schweizer Zeitschrift vor fünf Jahren zum erstenmal erschien, wirkte sie wie ein Schreihals in der soignierten Runde von ihresgleichen Architekturblättern. Aber die Redaktion wollte ja auch etwas ganz anderes, vor allem ein anderes als das bilderhungrige, neuheitengierige, lesefaule Fachleute-Publikum, nämlich: den normalen, an seiner (oft schlecht genug) gestalteten Umgebung interessierten, hoffentlich ebenso ästhetisch wie sozial interessierten Leser. Der hatte ja inzwischen in Bürgerinitiativen gezeigt, daß er mitzudenken und mitzureden versteht. Der Zeitschrift ging es dabei wohl ganz gut, aber für den Verleger nie gut genug, also wechselte er, bis der letzte die Lust verlor. Doch statt Hochparterre neuerlich zu verkaufen oder eingehen zu lassen, überließ er sie den Redakteuren. Sie sind nun selber ihre Verleger. Das erste ganz eigene Heft im Herbst wirkte ein bißchen erschrocken und bemüht – das jüngste aber, Doppelausgabe für Januar und Februar, ist so angriffslustig, so vielseitig, wie man sich es wünscht – und so gut geschrieben. Es macht mit dem Rebellen Miroslav Sik, seiner „Großanalogen Architektur“ und der Befreiung davon bekannt, auch mit dem Designer Antonio Citterio, der nach den Albernheiten seiner gealterten Berufsgenossen wieder typologisch, mithin an industrielle Fertigung (und Wiederverwendung) denkt. In einem facettenreichen, spannenden Bündel von Artikeln wird das allerorten erwogene „Nach-Verdichten“ von Siedlungen erörtert. Der „Stadtwanderer“ wiederum (Pseudonym des Chefredaktors Benedikt Loderer) macht sich in seiner regelmäßigen Glosse über ein skandalöses Wettbewerbsverfahren her, in einer anderen, der Sprache gewidmet (!), wird die Verdrängungskarriere des Wortes „testen“ gegen das Wort prüfen behandelt. Man liest auch über Ikea im Osten, über Paris und das Swatch-Telephon. Und wie nennt sich Hochparterre? Eine „Illustrierte“, eine „für Gestaltung und Architektur“. So was gibt’s!