Das Oberste Gericht der Vereinigten Staaten fühlt sich hintergangen. Die Richter fragen die Regierung in Washington, ob sie dem Gericht Informationen vorenthalten habe, als es einer Repatriierung geflüchteter Haitianer zustimmte. Seit Oktober wurden 2137 Haitianer zurückgeschickt – „ohne daß sie Repressionen ausgesetzt sind“, wie das Außenministerium glauben machen wollte.

Seit Montag dieser Woche weiß man Genaueres. Mitarbeiter der Vereinten Nationen schlugen Alarm: Nach der Rückkehr würden Flüchtlinge „willkürlich festgenommen oder mißhandelt“. Und der Vorsitzende des UN-Komitees der Menschenrechtsanwälte klagt gegen die drohende Abschiebung der 15 000 Haitianer, die nach dem Sturz von Präsident Jean-Bertrand Aristide geflohen waren.

Längst vergessen sind freilich jene verzweifelten Haitianer, die den Haien, dem Hunger und den Wellen zum Opfer gefallen sind. Die Szenen in der Karibik erinnern an das Schicksal der vietnamesischen Boat people, nur ist diesmal keine Nation bereit, die Flüchtlinge aufzunehmen.

Sind sie überhaupt politische Asylanten? Diese Frage versuchen die amerikanischen Behörden mit zweifelhaften Schnellbefragungen zu beantworten. Erst hieß es, fast die Hälfte aller Haitianer fielen in diese Kategorie. Inzwischen gelten die meisten „nur“ noch als Armutsflüchtlinge.

Der Vergleich mit kubanischen Flüchtlingen zeigt, welches Kalkül die nordamerikanischen Behörden dabei umtreibt: Wer aus Castros sozialistischem Paradies türmt, wird in Miami freudig aufgenommen. Die schwarzen Haitianer gelten indes als Flüchtlinge zweiter Klasse. Inzwischen sind auch Washingtons Versuche gescheitert, die Bedingungen im Flüchtlingsland selbst zu verbessern. Die amerikanische Haiti-Politik steht vor einem großen Scherbenhaufen. C.D.G.