Wer immer sein Erfinder ist: Dieser Kleiderbügel war ein Geniestreich. Bevor er zu dem wurde, was er ist, gebogen und gedreht, war er nichts weiter als ein ungefähr ein Meter langes Stück Draht, biegsam, aber fest genug, nicht gleich jedem Drucke nachzugeben. Wenn dieser Kleiderbügel aber, erkennbar für ein flüchtiges Dasein geschaffen, seinen Zweck erfüllt hat, demzufolge überflüssig geworden ist, gelänge es nicht einmal einem Kraftmenschen, ihn wieder so geradezubiegen, wie er einmal war, zu einem glatten Stück Draht.

Kurzum, die Zweckbestimmung haftet ihm nun ewig an, nämlich dabei zu helfen, ein soeben chemisch gereinigtes, makellos gebügeltes Kleidungsstück unbeschmutzt und faltenlos wieder nach Hause in den Kleiderschrank zu transportieren, damit es sogleich auf seinen alten, doch nur vorübergehend verlassenen, den richtigen, den stabilen Kleiderbügel aus Holz zurückgehängt wird.

Man braucht sich den Drahtbügel nur einmal – wenigstens dieses eine Mal! – genau anzuschauen, um seiner intelligenten einfachen Form gewahr zu werden und zu sehen, daß er tatsächlich alles hat, was ein Kleiderbügel braucht: die Flügel im richtig ansteigenden Winkel, an den Seiten je eine Kerbe für die Röcke, das eine Ende oben zum Haken gebogen, das andere gleich darunter, den Hals zu stärken, in engen Windungen festgezwirbelt. Er hat alles – bis auf eines: Er hat keinen Körper. Er ist klapperdürr, er ist nichts als Kontur. Niemand, der Jacke oder Hose, Kleid oder Mantel ständig daraufhängte, würde froh damit: Der dünne Draht drückte schon am zweiten Tag seine häßliche schmale Spur in den Stoff.

Er ist ja auch ein Provisorium. Aber, ach, wie hängt man doch an seinen Provisorien. Und man will ja auch kein Verschwender und kein Wegwerfer sein. Das übrige tun das Phlegma oder der Nützlichkeitssinn. Hilft das Ding nicht beim Trocknen nasser Hemden und Blusen auf der Leine?

Hoffentlich entscheidet sich wenigstens das ästhetische Gewissen am Ende doch wieder für den soliden, aus Holz gemachten, gutaussehenden Kleiderbügel, den alten Klassiker auf der Stange. Holz muß es schon sein, womöglich (wie ein Katalog schwärmt) „herb duftendes, massives Zedernholz“, auf welchem sich die Kleidung „rundum erholen“ könne, natürlich mottensicher, und auch empfindlichste Stoffe nähmen keinen Schaden, weil das Holz so fein geschliffen sei.

Weitgereiste wissen, in wie vielen Farben, wie vielen verschiedenen Figuren der Kleiderbügel in den Hotelschränken hängt, mit runder, kantiger oder spitzer Kuppe, mit breiten, dünnen, fein geschwungenen oder muskulösen Flügeln, welchen meist ein nützlicher Schwung eingefräst worden ist, an den Enden die Keinen für die Schlaufen der Röcke, unten der Steg für die Hase, oben der kreisrunde Haken mit manchmal holzverkleidetem Hals. Die besten gehören, was wundert’s, zum traditionellen Typus – die mißratenen sind meist modische Versuche, es unbedingt anders zu machen.

Was nun den runden Haken betrifft, so hat sich selbst in unseren angesehensten Hotels eine Unsitte eingebürgert, ihn gegen einen steifen Nagel einzutauschen, der mit dem Kopf in eine Hängevorrichtung an der Kleiderstange gesteckt werden muß. Gezielt! Aber klar, sie sollen nicht gestohlen werden, die Kleiderbügel.