Berlin Ende 1930: Ein junger Mann, gerade 24 Jahre alt, in der ostpreußischen Provinz aufgewachsen, einer geordneten bürgerlichen Karriere abhold, schon viel herumgekommen, zahlreiche Orte und Berufe passierend, will in der Metropole als literarischer Autor reüssieren. Die Überzeugung, daß er etwas zu sagen hat, ist ebenso groß wie die Angst, sein Unterfangen würde mißlingen. Wie sollte er anfangen, wo ansetzen, an welche Rede sich anschließen in diesem undurchdringlichen Gewirr der Stimmen, auf dieser Bühne, die schon von so vielen, glänzenden, höchst erfolgreichen Rednern besetzt war?

Der junge Mann hat Glück. Zwar scheitern seine Versuche, im Theater (bei Brecht und Piscator) zu arbeiten, in die literarischen Zirkel einzudringen, aber wichtige Zeitungen (wie die Rote Fahne) und Zeitschriften (wie die Weltbühne) drucken kleine Texte von ihm. Der Berliner-Börsen-Courier wird auf ihn aufmerksam. Hier gibt es einen Mentor (Herbert Ihering), der einen Blick hat für Qualität und sich nicht scheut, den Anfänger zum Redakteur und zum Verantwortlichen für die Buchbesprechungen zu machen.

Das liberale Blatt gibt dem Ankömmling Koeppen die unerhörte Chance, seine Suchbewegung quasi zu institutionalisieren, ohne seine Exterritorialität aufzugeben. Entschlossen macht er das Feuilleton zum Vorraum des ersten großen Romans, auf den sein Schreiben konsequent zielt. Seine „Leseabenteuer“, die nun zum Metier geworden sind, haben immer nur den eigenen Romanentwurf im Sinn, seine Rezensionen gleichen Klangproben, forschen nach dem Ton, in den er einstimmen könnte. Stets enthält die Charakteristik fremder Romanwelten Elemente des Selbstentwurfs. Über Hans Henny Jahnn sprechend, enthüllt Koeppen die entscheidenden Impulse seines Schreibens. Sicher ist nur, so heißt es in einer Rezension des Romans „Perrudja“, das „Unsichere“, die Fragwürdigkeit des Menschen, der auf einer Erde geboren wird, „deren Woher, Wohin und Sinn er nicht kennt“.

Dies könnte das Motto aller Koeppen-Texte sein, die hier vorgedacht sind: das Skrupulöse, das eine große Genauigkeit erzeugt, die Depression, die nicht lähmt, sondern eine bezwingende literarische Rede in Gang setzt, die Trauer, die den Blick verdunkelt und schärft.

Gleichzeitig bietet das Feuilleton einer Berliner Tageszeitung Raum für eine exzessive Wahrnehmung und Beschreibung der großen Stadt. Koeppens zahlreiche Reportagen sind inspiriert von den Techniken Kracauers und Benjamins, durchdringen ebenso die flirrende Oberfläche, entdecken die sprechenden Orte, die bizarren Details, halten Momente, Stimmungen und Valeurs fest. Er begeistert sich für den Film, für das Medium des Materiellen und des Sichtbaren, dem seine Kritiken immer wieder Einzelbilder und Augenblicke abringen. Als eine zugleich „schöne“ und „unglückliche“ Zeit hat Koeppen diese Jahre später oft bezeichnet, als „fleißige“ Zeit eines fließenden Schreibens und als Zeit der Bedrohung, der Angst. In den Straßen Berlins wurde gekämpft und geschossen, das Elend wurde immer sichtbarer, dramatische Entscheidungen kündigten sich an.

In einem Essay aus dem Jahre 1922 hat Siegfried Kracauer die Intellektuellen der Gegenwart als „Wartende“ charakterisiert. Der alten, zerbrochenen Metaphysik entronnen, litten – so Kracauer – die nun selber Zersplitterten unter dem „Fluch der Vereinzelung“. Alles in ihnen dränge daher auf ein „erneutes Sein in der religiösen Sphäre“, auf ein „Eingehen“ in die „formgebende Gemeinschaft“ hin, doch ist ungewiß, ob der Augenblick der „Erlösung“ überhaupt kommt. Was bleibt, ist allein das „Warten“ als „zögerndes Geöffnetsein“ gegenüber einer Wirklichkeit, die „von leibhaftigen Dingen und Menschen erfüllt ist und deshalb konkret gesehen zu werden verlangt“.

Für kaum einen anderen Autor dieser Jahre ist jenes Programm der Öffnung und der Wahrnehmung kennzeichnender als für den jungen Koeppen, der sich ausprobieren, sich in die literarischen Diskurse einschreiben möchte.