Von Hans Harald Bräutigam

Aber bitte nicht mit Amalgam.“ Das ist sozusagen das letzte Wort vieler ängstlicher Patienten, bevor der Zahnarzt zum Bohrer greift, um die Einlage von Füllungen in kariösen Zähnen vorzubereiten. Die Furcht der Patienten, die in der beschwörenden Bitte zum Ausdruck kommt, ist verständlich. Denn die jahrelange Diskussion um Gesundheitsschäden durch quecksilberhaltige Zahnfüllungen ist noch nicht beendet.

Der Streit zwischen Gegnern und Befürwortern des zahnärztlichen Werkstoffes konzentriert sich auf die uralte Frage, die, freilich in einem anderen Zusammenhang, vor über 400 Jahren schon Paracelsus beantwortet hat: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist.“ Eine weise Feststellung, die allerdings bei der 150 Jahre alten Anwendung der zur Hälfte aus Quecksilber bestehenden Amalgamfüllung bis heute wissenschaftlich nicht mit der wünschenswerten Eindeutigkeit von Toxikologen und Zahnmedizinern beantwortet werden kann. So gerät der Streit um Amalgam jetzt mehr zum Glaubenskrieg als zu seriöser wissenschaftlicher Auseinandersetzung.

Um die widersprüchlichen Argumente besser zu verstehen, sind einige Kenntnisse über Quecksilber und sein Vergiftungspotential, aber auch über den Einsatz von Amalgam in der konservierenden Zahnheilkunde notwendig.

Nach der Definition des Bundesgesundheitsamtes (BGA) ist Amalgam ein Werkstoff, der aus gleichen Teilen Legierungspulver, einem Silber-Zinn-Zink-Gemisch und Quecksilber (Hg) in der zahnärztlichen Praxis angerührt wird. Dies soll in einem geschlossenen System erfolgen, damit keine quecksilberhaltigen Dämpfe entweichen. Beim Legierungsvorgang, Fachleute sprechen von der Trituration, entstehen je nach Zusammensetzung des Mischungspulvers zwei unterschiedliche sogenannte Gamma-Phasen. In der Gamma-1-Phase ist hauptsächlich eine Verbindung aus Silber und Quecksilber enthalten, in der Gamma-2-Phase, die jetzt kaum noch verwandt wird, gehen Zinn und Quecksilber eine Verbindung ein. Diese soll korrosionsanfälliger sein und sich leichter aus dem Zahn lösen, behauptete kürzlich die Werkstoffexpertin Tamara Zinke vom BGA. Zahnmediziner, so die Empfehlung des Berliner Amtes, sollten zukünftig die Verwendung von Gamma-2-Amalgam aufgeben und bei Schwangeren auf diesen Werkstoff ganz verzichten.

Das tun die meisten Zahnärzte schon heute, obwohl, nach Feststellung des Düsseldorfer Max-Planck-Institutes für Eisenforschung, die angeblich besseren Amalgame nahezu ebenso korrosionsanfällig sind wie die anderen Legierungen und gleichfalls Quecksilber im Mund verdampfen. So meint der Arbeitsmediziner und Toxikologe Rainer Schiele von der Universität Erlangen: „Die verschiedenen Amalgamzubereitungen unterscheiden sich da nur wenig.“

Quecksilber gehört wie Blei und Arsen zu den giftigen Schwermetallen. Es kann metallisch im Quecksilberdampf oder als organisches Methylquecksilber beispielsweise in Fischen vorkommen. Thunfische sind besonders reich an organischem Methylquecksilber. Bei ausgiebigen Fischmahlzeiten können bis zu 22 Mikrogramm täglich vom Magen aufgenommen werden. Metallisches Quecksilber in Amalgamfüllungen wird als Quecksilberdampf in der Lunge resorbiert oder, verschluckt, vom Magen-Darm-Kanal aufgenommen, um dann über die Leber den Blutkreislauf zu erreichen. Die Resorptionsquote von metallischem Quecksilber ist hoch, über achtzig Prozent werden aufgenommen und können sowohl die Bluthirnschranke wie, während einer Schwangerschaft, auch die Nachgeburt passieren. Die Halbwertszeit, jene Zeitspanne, in der die Hälfte des im Gewebe abgelagerten Hg ausgeschieden wird, kann bis zu achtzehn Jahren betragen, während das aus Amalgam stammende Quecksilber nur für rund sechzig Tage im Körper verbleibt.