Von Hanns-Bruno Kammertons

Es wird viel geweint bei den Olympischen Spielen von Albertville. Selbst jene Beobachter, denen durch jahrzehntelanges Zuschauen eigentlich nichts mehr fremd ist, zeigen sich überrascht. Kleine und große Tränen, zu sehen nicht nur nach verlorenen Siegen. Auch Olympiasieger werden schwach. Und wenn es passiert, dann scheint die Welt für einige Augenblicke unsagbar heil. Programmierte Athleten?

Es ereignete sich im Eisschnellaufstadion von Albertville. Ein Ort von sanfter Trostlosigkeit. Vor allem, wenn der Regen seine Schauer in die Arena hineinfegt und die olympischen Ringe auf dem Boden des Innenraumes langsam die Form verlieren. Als Gunda Niemann hier zum ersten Mal an den Start ging, waren die Zuschauerränge allenfalls zur Hälfte gefüllt. Aber Albertville ist auch nicht Oslo, Eisschnellauf zählt in Savoyen nicht viel. Gunda Niemann störte es nicht.

Sie ging als Fünfte ins Rennen, und die 25 Jahre alte Erfurterin lief wie es ihre Art ist. Kraftvoll, so gar nicht schwerelos sanft dahingleitend, das Eis eher mit wütenden Schritten traktierend. Sie könne es nun einmal nicht besser, hatte Gunda Niemann vor dem Beginn der Wettkämpfe gesagt, und es klang so, als wollte sie um Verständnis werben.

Sie hätte es nicht tun müssen, das zeigte sich an diesem Tag genau 3000 Meter später. Gunda Niemann war Olympiasiegerin. Sie riß sich die Kapuze ihres Rennanzuges vom Kopf und weinte, daß man lange nicht mit ihr sprechen konnte.

Aber dies war nur die eine Seite der Medaille. Bei der allfälligen sportpolitischen Betrachtung schien das Ereignis nicht weniger bedeutsam: Der erste gesamtdeutsche Olympiasieg seit den Tagen der Spiele von 1964. In den Pressezentren wurden bereits erste Einordnungen verfaßt, als ein Gerücht die Runde machte, das sich rasch zur Gewißheit verdichtete. Als Gunda Niemann lief, war von offizieller deutscher Seite niemand im Stadion gewesen, kein Funktionär, kein gar nichts.

Das Bild der verlassenen Athletin, man kann es nicht anders sagen, es hatte etwas Rührendes. Für ein, zwei Tage ging es nicht aus den Köpfen. Es gab so vieles, was in diesem Zusammenhang plötzlich eine Rolle spielte. Wie die Recherchen ergaben, war wenigstens auf die Familie Gunda Niemanns Verlaß gewesen. Mutter und Geschwister hatten den Weg nicht gescheut. Sie hatten im fernen Thüringen ein Wohnmobil gemietet. Angeblich für 2000 Mark. Dann waren sie losgefahren, wie es hieß – Frankreich ist teuer – mit reichlich Lebensmitteln an Bord. Eine unendliche Geschichte hätte dies werden können: die Mutter, die Geschwister und das Wohnmobil. Gunda Niemann machte Schluß damit.