Von Roland Kirbach

Publik wurde die Nachricht zufällig: Zwei wissenschaftliche Hilfskräfte, die beide Teilzeitjobs im Informations- und Beratungsdienst der Deutschen Krebshilfe in Bonn hatten, klagten auf Festanstellung. Vor dem Bonner Arbeitsgericht kam so Mitte Januar zur Sprache, was die Krebshilfe gern für sich behalten hätte: Daß der Beratungsdienst zum Jahresende "eingestellt" worden sei, das sei ganz eindeutig – so jedenfalls hatte sich laut Bonner General-Anzeiger der Anwalt der Krebshilfe vor Gericht eingelassen.

Aufsehen erregte die Neuigkeit erst, als wenige Tage später Cornelia Scheel, die Tochter der Krebshilfe-Gründerin Mildred Scheel, öffentlich klagte, hier werde "das Vermächtnis meiner Mutter mit Füßen getreten". Im vergangenen Jahre hatte die Krebshilfe Cornelia Scheel entlassen, nachdem deren Verhältnis zu der Fernseh-Unterhaltungskünstlerin Hella von Sinnen bekanntgeworden war. Die Krebshilfe müsse um ihr "seriöses Image" fürchten, hatte Geschäftsführer Achim Ebert damals den Schritt begründet. Nun habe die Krebshilfe selber "diesem Image einen nicht unerheblichen Schaden zugefügt", schrieb die Ärzte-Zeitung. "Der jetzt aufgegebene Service war bei den Krebs-Patienten zu Recht beliebt."

Neun der insgesamt 45 bei der Krebshilfe Beschäftigten arbeiteten in der Beratungsstelle, sieben festangestellte Frauen und jene zwei Teilzeitkräfte. Rund 15 000 Anrufe von Krebspatienten oder deren Angehörigen gingen jedes Jahr ein. Etwa 500 000 Mark im Jahr – bei einem Jahresetat von 60 Millionen Mark – kostete dieser Dienst. Vor allem für neu Erkrankte, die sich noch nie mit dem Thema Krebs befaßt hatten, ist die Krebshilfe oft die erste Anlaufstelle gewesen. Mittlerweile sind von den neun Beratern nur noch zwei übriggeblieben. Die Abteilungsleiterin und eine Diplom-Psychologin schieden, wie man so sagt, im gegenseitigen Einvernehmen aus; vier Mitarbeiterinnen wurde gekündigt, und eine weitere wurde gegen ihren Willen in eine andere Abteilung versetzt. Die beiden verbliebenen Beraterinnen gehören dem Betriebsrat an und können nicht ohne weiteres versetzt oder entlassen werden.

Trotz dieses Kahlschlags unter dem Personal dementiert die Krebshilfe, daß der Informationsdienst eingestellt worden sei. Lediglich die medizinische Beratung sei aufgegeben worden, die soziale Hilfestellung werde fortgeführt, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Krebshilfe, Helmut Geiger, Anfang Februar auf einer Pressekonferenz in Bonn. Das Beratungspersonal habe durchweg aus medizinischen Laien bestanden. Es sei "eine recht problematische Angelegenheit", wenn solche Leute medizinische Auskünfte erteilten. Der Vorstand sei daher der "dringenden" Empfehlung des Medizinischen Beirats gefolgt und habe beschlossen, dieses Beratungsgebiet aufzugeben.

Dafür solle nun die soziale Betreuung intensiviert werden, sagte Geiger und präsentierte ein neues "Multiplikatorenprogramm". Wohlfahrtsverbände sollen ehrenamtliche Betreuer von Selbsthilfegruppen schulen und begleiten, ehren- und hauptamtliche Arbeit in der Krebsnachsorge sollen enger verknüpft werden. Knapp eine Million Mark will die Krebshilfe dafür in den nächsten drei Jahren zur Verfügung stellen. Danach allerdings müssen die Wohlfahrtseinrichtungen die Finanzierung selbst übernehmen. Das Programm ist indes keineswegs neu; die Pläne dafür liegen schon rund zwei Jahre in der Schublade.

Karin Götze, eine der beiden verbliebenen Beraterinnen, arbeitet seit fast fünfzehn Jahren im Informationsdienst. Sie hält die Argumentation der Krebshilfe für vorgeschoben. Daß sie und ihre Kolleginnen keine medizinischen Auskünfte mehr erteilen sollen, gehe völlig ins Leere: "Das haben wir sowieso nie gemacht, wir haben keine medizinischen Ratschläge gegeben." Eine medizinische Datenbank habe lediglich dazu gedient, allgemeine Informationen und Fachliteratur zu vermitteln. Geschäftsführer Ebert selbst schrieb über das Beratungskonzept der Krebshilfe in der Münchner Medizinischen Wochenschrift einmal: "Dabei respektieren die Berater streng die Zuständigkeit der behandelnden Ärzte. Zum individuellen Krankheitsverlauf und zu Einzelheiten der Behandlung werden deshalb keine Beurteilungen abgegeben." Damit konfrontiert, sagt Ebert heute, offiziell habe es zwar keine medizinische Beratung geben dürfen, de facto habe sie aber doch stattgefunden.