Die ersten Wachklopfer gab es im englischen Städtchen Lancaster. Dort gellte jeden Werktagmorgen Punkt fünf Uhr die große Dampfpfeife der zentralen Textilmanufaktur. Den Arbeitern, die dieses Signal ignorierten, halfen Wachklopfer auf die Beine, die kurz nach fünf von Wohnung zu Wohnung gingen und von draußen mit langen Stangen gegen die Schlafzimmerfenster schlugen. Den ganz Hartnäckigen, so berichten die Chronisten, kam man noch anders bei. Männer gingen durch die Straßen und zogen an Schnüren, „die von einem Fenster herabhingen und am Zeh des Arbeiters befestigt waren“. Dies spielte sich Morgen für Morgen ab, zweihundert Jahre, bevor ich meinen ersten Wachklopfer kennenlernen sollte.

Als ich neulich drei Nächte in einem Hotel einer süddeutschen Großstadt verbringen mußte, fiel mir wieder dieses verdammte Nest Lancaster ein. Ich hatte mein Haupt noch kaum auf das Kissen gebettet und voller Neugier die Nachttisch-Bibel zur Hand genommen, da schellte das Telephon. Es war exakt 24 Uhr. Eigentlich konnte keiner wissen, daß ich hier war. Überrascht und auch ein bißchen ängstlich nahm ich ab. „Ja.“ – „Hier ist der Telephonservice. Sie wollten geweckt werden...“, sprach eine zarte weibliche Stimme. Davon konnte überhaupt keine Rede sein. Reichlich irritiert schlief ich ein. Punkt sechs Uhr, immerhin eine Stunde später als die Zentralglocke in Lancaster, schrillte es abermals. „Hier ist...“ Ich warf den Hörer auf die Gabel, zog mich an und legte mir-ein gehöriges Donnerwetter für die Damen an der Rezeption zurecht.

Dort gab man sich im ersten Moment ahnungslos. Nein, keiner habe mich angerufen und geweckt. Ja, aber es könnte sein, daß mein Zimmervorgänger den Automatikwecker telephonisch bedient hätte. Das aber sei kein Problem, ich müsse nur 07 wählen und hätte damit alle vorherigen

Eingaben gelöscht. Nach dieser befriedigenden Auskunft suchte ich den Frühstücksraum auf, in dem ich der erste und lange Zeit der einzige Gast war, hellwach, umgeben von müdem Personal.

Abends, total kaputt, gab ich meinem Apparat das empfohlene Code-Zeichen ein, zog mir noch ein Bier aus der Mini-Bar rein und fiel zwar erschöpft, aber doch glücklich in mein Bett.

Exakt um 24 Uhr klingelte mein Telephon: „Hier ist...“ Verdammt noch mal. Ich überlegte kühl, was zu tun sei und beschloß, das Problem am nächsten Morgen anzugehen. Zeit genug würde sein, da der Wecker um sechs Uhr schon wieder...

Eine wiederholte Vorsprache bei der Rezeption blieb ohne Erfolg. Ich beschloß daher, das Frühstücksbuffet, dem ich mich in dieser frühen Stunde lange widmen konnte, in all seinen kulinarischen Feinheiten zu testen und vor allem einmal in Ruhe der Frage auf den Grund zu gehen, ob Müsli mit oder ohne Schokoladenplättchen besser schmecken. In dieser morgendlichen Abgeschiedenheit konnte ich endlich einen klaren Gedanken fassen und sah ein, daß ich den Kampf gegen meine unsichtbare Weckerin durch Konfrontation nicht gewinnen könnte. Ich mußte sie überlisten.