Unsere Wirtschaft schrumpft, die Politik lahmt: Der Abschwung führt zur Rezession

Von Roger de Weck

Es gehört sich nicht, daß man eine Rezession voraussagt. An diese Regel halten sich die Fachleute der großen Wirtschaftsforschungsinstitute. Daran hält sich auch die Bundesbank. Niemand will die Stimmung verderben. Also unterlassen die Ökonomen allzu düstere Prophezeiungen, die sich von selber erfüllen, wenn viele Menschen daran glauben und sich darauf einstellen. Deshalb lautet die offizielle Sprachregelung: Es droht keine Rezession in der Bundesrepublik.

In der Tat, die Rezession ist nicht im Anmarsch – sie ist eigentlich schon da. Die angelsächsischen Konjunktur-Experten sprechen dann von einer recession, wenn in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen die Leistung einer Volkswirtschaft merklich nachläßt. In Westdeutschland sind wir soweit. Seit April 1991 geht es abwärts: Von Vierteljahr zu Vierteljahr ist das Sozialprodukt geschrumpft, und zwar jedesmal um ein halbes Prozent.

Hinter den Prozenten stehen Menschen mit ihren Sorgen: Arbeitslose, die wieder mehr werden; Arbeitgeber, die strenger auf die Kosten achten müssen; Unternehmer oder Manager, deren Gewinne und Investitionsbereitschaft abnehmen; Verbraucher, die sich ungern einschränken; Sparer, die weniger sparen können. Noch halten sich die Einbußen in Grenzen, aber die Westdeutschen ahnen oder spüren bereits, daß die Zeiten härter werden. Kein Vergleich zu der Krise, die den Ostdeutschen zusetzt; in den neuen Bundesländern krankt nicht die Konjunktur, sondern die gesamte Wirtschaftsstruktur. Kein Zweifel aber, daß ein Abschwung im Westen den Aufbau im Osten erschwert. Es wird weh tun, beidseits der Elbe.

Oder ist alles nur halb so schlimm? Die Bundesbank jedenfalls sieht keinerlei Anzeichen, daß sich der Abwärtstrend verstärken wird: "Vielmehr dürfte die westdeutsche Wirtschaft nun eine gewisse Konsolidierungsperiode durchlaufen." Freilich deutet schon das Beiwort "gewisse" auf eine ziemliche Ungewißheit; und wo sie Zweckoptimismus wittern, fühlen sich die Zweifler bestätigt: Als die Bundesbank am Dienstag ihren zuversichtlichen Monatsbericht veröffentlichte, geriet die D-Mark heftig unter Druck. Die Anleger im In- und Ausland wissen, daß Bundesbankpräsident Helmut Schlesinger und seine Experten keine neutralen Beobachter der Konjunktur sind. Mit ihren hohen Zinsen wollen sie der Teuerung von vier Prozent wehren, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, sie lähmten die Wirtschaft. Deshalb stehen sie stets im Verdacht der Schönfärberei.

Gleichwohl ist nicht auszuschließen, daß die Bundesbank doch recht hat und ihre Kritiker unrecht bekommen werden. Angenommen, wir erleben jetzt nur eine Rückkehr zum Gleichgewicht nach knapp zwei Jahren einer Überhitzung, die durch die gewaltigen Ausgaben für die deutsche Einheit verursacht wurde. Angenommen, die ausländische Nachfrage nach Produkten made in Germany nimmt in dem Maße zu, in dem sich die inländische Nachfrage – namentlich aus den neuen Bundesländern – normalisiert. Dann würde der Abschwung tatsächlich keine großen Gefahren bergen.