Von Wolfgang Lechner

Der wichtigste Satz dieses Buches steht auf Seite 76, und die Autorin spricht ihn gar nicht selbst aus, sie zitiert nur Moshe Langer: „,Als Ärztin würdest du mit jedem Kranken sterben’, sagte mein Mann immer.“

Doch Felicia Langer ist nicht Ärztin, sondern Rechtsanwältin. Und in dem Land, in dem sie praktiziert hat, gilt Mitleid mit den Menschen, für die sie kämpfte, als politischer Fehler. Daß sie Höllenqualen litt, wenn ihre Mandanten gefoltert wurden; daß sie jedesmal selbst ein Stück Heimat verlor, wenn sie eine Deportation nicht verhindern konnte; daß sie in ohnmächtiger Wut die Contenance verlor, wenn sie die Arroganz von Militärrichtern erlebte – ihre Gegner haben es ihr stets als Schwäche ausgelegt.

Felicia Langers Mitleiden war der Motor für ihr Lebenswerk. Und es ist die Erklärung für ihr Scheitern.

Ihr Lebenswerk: 25 Jahre lang vertrat die jüdische Anwältin palästinensische Angeklagte und Kläger vor israelischen Gerichten. Ihr Scheitern: Vor anderthalb Jahren gab sie auf. Sie schloß ihre Kanzlei in Jerusalem, räumte die Wohnung in Tel Aviv und zog zu ihrem Sohn nach Tübingen. Heute hält sie Vorlesungen in Bremen und Kassel und kann immer nur erzählen, daß es den Menschen in den besetzten Gebieten schlechter geht als je zuvor.

Auch in Deutschland hat Felicia Langer, die immer für Frieden und Verständigung kämpfen wollte, die Meinungen polarisiert: Seit ihren israelkritischen Auftritten während des Golfkriegs ist sie auch hier nicht mehr sicher vor Drohungen, Intrigen und öffentlichen Beschimpfungen. „ihr Feind heißt – Israel“, überschrieb Ralph Giordano ein bitterböses Pamphlet in der Tribüne. „Dummheit, Gehässigkeit oder Lüge!“ giftete Abraham Melzer zurück, der Herausgeber von Semittimes, als er Felicia Langer verteidigen wollte.

Ob die Lektüre der Autobiographie „Zorn und Hoffnung“ Gegner und Anhänger der Felicia Langer einander näherbringen wird?