Von Rolf Michaelis

Es hat wieder einmal Krach gegeben. Glücksspiel? Geplatzte Wechsel? Weiber? Wer weiß das noch. Der Mann fährt jedenfalls, "ohne mich von jemandem zu verabschieden", 1764 von der Fürsten-Residenz Braunschweig zwölf Kilometer durch dichten Wald nach Wolfenbüttel – und erinnert sich dreißig Jahre später in seinen "Memoiren": "In den acht Tagen, die ich dort verbrachte, verließ ich die Bibliothek nur, um in mein Zimmer zu gehen, und verließ dieses nur, um in die Bibliothek zurückzukehren ... Ich lebte dort in vollkommenem Frieden, dachte weder an Vergangenheit noch an Zukunft und vergaß über der Arbeit die Gegenwart."

Ja, so ist er auch, der in Deutschland noch immer nur als "Weiberheld" verschriene Schriftsteller Casanova, der in Wolfenbüttel, "dieser berühmten Bibliothek", wie nur je ein asketischer Philologe an seiner Übersetzung von Homers "Ilias" feilt, die 1778 in drei Bänden in Venedig erscheint.

Und vergaß über der Arbeit die Gegenwart: diesen Satz des in Bücher wie in Frauen verliebten Italieners wird ihm der Sohn eines Bildhauers aus dem Oldenburgischen, wird ihm der am 21. Februar 1927 geborene Bibliothekar – und trotzdem Bücherliebhaber – Paul Raabe nicht nachsprechen. Wenn zum Abschied des langjährigen Direktors der Herzog August Bibliothek etwas zu feiern ist, dann dies: daß ein Literaturwissenschaftler, der als Direktor einer der größten und berühmtesten Büchereien Europas auch zum Kulturmanager werden mußte, sich nicht nur in Bücher, sondern auch in die Literatur verguckt hat; daß er ein aufmerksamer Leser geblieben ist, der über Zettelkästen und Computer-Ausdrucken gerade dies nicht vergessen hat: die Gegenwart. Für die Zukunft muß ein für mehr als zweihundert Menschen, zehn Häuser, einen Millionen-Jahres-Etat und ganze Regal-Kilometer sorgfältig behüteter Bücher verantwortlicher Direktor schon nach dem Haushaltsplan sorgen; für die Vergangenheit, die ihm das Arbeitszimmer mit Pergament- und Leder-Schwarten ziert, sowieso.

Gegenwart Wolfenbüttel? Die sah um 1920 so aus, wie sich der Goethe- und Luther-Biograph Richard Friedenthal erinnert. Im stillen Bücherhaus wirkt sein Klingeln an verschlossener Tür wie ein lasterhaftes Geräusch. Schon will der bildungsbeflissene Student sich davonmachen, da hört er schlurfende Schritte. Einen Spaltbreit öffnet der im Amts-Schlaf gestörte Hausmeister die Eichen-Tür – und läßt sie zuklappen, als er einen jungen Menschen erblickt. Doch der ist schneller, schiebt die Stiefelspitze in den Türspalt und erreicht so, zum Oberbibliothekar vorgelassen zu werden.

Heute? Wer will, darf die Schätze einer der noch immer – und wieder! – bedeutendsten und schönsten Büchersammlungen im nördlichen Europa nicht nur in Schauräumen bestaunen, sondern im Lesesaal sogar, aufblättern. Vielleicht geht es ihm wie Paul Raabe. Als der junge Gelehrte und Leiter des Deutschen Literatur-Archivs in Marbach am Neckar, wo er mit seiner zu Recht berühmten Ausstellung 1960 im selbstzufriedenen Adenauer-Land den "Expressionismus" als (auch politisch) widerständige Kunst wiederentdeckt hat, vor den Bücherwänden in Wolfenbüttel steht, findet er seit Jahrhunderten nicht mehr in die Hand genommene, bibliographisch noch gar nicht bekannt gemachte "Widmungsexemplare mit handschriftlichen Dedikationen oder eingelegten Briefen an Herzog August", etwa "von Keplers Hand".

Der Gründer der Büchersammlung im armen Ländchen zwischen Harz und Heide, Herzog Julius von Braunschweig-Lüneburg (1528-1589), hat für seine noch schmale Bibliothek 1572 eine "Liberey-Ordnung" entworfen, das Grundgesetz der Wolfenbütteler Bibliothek. In vielen Drucken aus dem Zeitalter des Späthumanismus, die der fürstliche Bücher-Leser und -Sammler ins Regal stellt, findet sich, von seiner Hand, ein Leitspruch, der bezeugt, was wir heute Sozialbindung des Eigentums nennen: "Aliis in serviendo consumor" ("Im Dienst für andere verzehre ich mich") – Motto aller Bibliothekare.