Seine Wollmütze. Gut erinnern wir uns noch an die kleidsame Wollmütze. Auch die zierliche Barttracht ist uns vor Augen. Sonst liegen die Einzelheiten im Dämmer ferner Jahre. Einen kalten Tag lang waren wir dem Meister gefolgt. Frierend, wie es sich für einen währschaften Schweizer Januar gehört. Weiß lag das Voralpenland. Aus der kleidsamen Wollmütze wuchsen spiralige Zapfen. Die zierliche Barttracht verschwand unter eisiger Couverture. Aber kunstgeschichtlich litt das Datum keinen Schaden. Wir wurden Zeugen drehbuchgenauen Schneeschaufeins. Geschaufelt wurde für einen ästhetisch guten Zweck. So muß es gewesen sein. Wolf Vostell hat nur für ästhetisch gute Zwecke geschaufelt.

Reifere Jahrgänge werden es sogleich erkannt haben: Die dürre Rede ruft ein sogenanntes Happening ins Gedächtnis. Eine Kategorie künstlerischer Praxis, die etwas in Vergessenheit geraten ist. Kein halbwegs betriebssicheres Talent käme heute auf die Idee, einer trächtigen Kuh zum frohen Wurf ausgerechnet die Räume eines deutschen Kunstvereins zuzumuten. Und wem läge noch daran, sein wertes Publikum durch eine Holzhütte zu schleusen, vor der schon die Benutzervorschrift warnt: „Dunkel und stinkt“.

Das war in den späten sechziger und in den frühen siebziger Jahren so. Die bildende Kunst war wieder einmal zur bildarmen Kunst geworden. Und die bildarmen Künstler trieben ihre Gefolgschaft in den Schnee oder in dunkelstinkende Unterstände oder zu gebärenden Paarhufern. Und wenn es in der postadenauerischen Republik Bedenken gab, behördlicherseits, gegen künstlerische Niederkünfte irgendwo, dann gab es, künstlerseits, prompten Protest gegen die Bedenken. Wolf Vostell hat den Abtransport seiner Kalbin aus der Kölner Ausstellung „Happening und Fluxus“ nie verwunden. Er strafte die Stätte schnöder Kunstverhütung mit anhaltendem Liebes- und Selbstentzug. Entwich nach Berlin. Und es bedurfte schon besonderer Demutsgesten, um den Exilanten wieder versöhnlich zu stimmen.

5000 Kaugummi, 5 Koffer

Gleich sechs Häuser an Rhein und Ruhr sind nun den dokumentarischen Spuren des Happenisten nachgegangen. Haben mit feinsten definitorischem Besteck zerteilt, was das Album der aktionistischen Kunst an erkalteten Vostell-Relikten aufbewahrt. Am einen Ort das „malerische Werk“, am anderen das „plastische“. Mal „Environments“, mal „Multiples und Graphik“. Hier „Intermedia-TV & Video“, dort „Papierarbeiten“. Beim Wohlgeruch seiner Zigarre, war der Mann fruchtbar, ist er produktiv! Am 15. März 1969 maß er noch mit kantensauber gebackenen Dreipfünderbroten den Umfang der Kölner Bühnen aus. Wobei er sich, wie er Intendant Drese mitteilte, exakt 1164,5 mal habe bücken müssen. Wer hätte damals geahnt, daß aus dem gymnasiastischen Beitrag zum Thema „Brot und Spiele“ dereinst eine Parallelaktion ohne Beispiel würde? Welcher Kunstschaffende neuerer Zeitrechnung ist zuletzt mit vergleichbar absolutistischem Ehrgeiz gewürdigt worden?

Wenn etwas nunmehr durch Bündelung aller inszenatorischen Kräfte angemessen in Erscheinung tritt, ist es vielleicht schon zimelich weit weg, ziemlich abgespielt, ziemlich festplaziert in den Archiven, im Museum. Die Nebelfahrt von Mülheim an der Ruhr über Köln, Leverkusen, Bonn bis nach Mannheim hat vor allem die Wehmut geweckt, ist Gedenkreise gewesen in jene Anfänge einer bundesdeutschen Kunstsozialisation, als katastrophale Synapsen im rechten Hirnlappen noch höchstens sinnlich intellektuelles Glück bedeuteten. Daß wir dabei waren, damals im Frühjahr 1970, als Herr Dr. Leppien in der Kunsthalle Köln „Jetzt“ sagte und die „Die Künste in Deutschland heute“ meinte, und Wolf Vostell 5000 Kaugummi, 10 Heizstrahler, 2 Lautsprecher, 1 Verstärker, 20 Säcke Mehl, 30 Metallpfähle, 150 Meter Stacheldraht, 5 Koffer, verschiedene hitzeempfindliche Mikrophone und 3 Waschgefäße orderte: Uns schwillt die graubeharrte Brust. Und nur ein hygienisches Problem mit den Mehrfachkaustücken hielt uns seinerzeit von einer Partizipation am Happening ab.

In der Zwischenzeit muß uns die Gewißheit still verlassen haben, am Rande eines drahtdurchzogenen Sandkastens ein eminentes Beispiel gestalterischer Subtilität und geistiger Konzentration bedenken zu können. Noch immer laden die beigestellten Spaten zu versonnener Schaufeltätigkeit. Noch immer warnen die beigestellten Lautsprecher vor bösen akustischen Überraschungen. Aber was ist geblieben von der Neugier auf die elektro-agrarische Selbsterfahrung? Der Sand sieht heute recht unberührt aus. Und das Grabgerät steht in Reih und Glied. Und in den Lautsprechern rauscht es nur ein wenig. Auf einem frisch geschriebenen Beipackzettel erklärt uns der Künstler, was wir versäumen: „Wir stoßen beim Umgraben auf unsere Erinnerungen, die Klänge beim Graben sind die Ausstöße unserer Gedanken.“