Von Benjamin Henrichs

Die Welt ist kahl wie ein Schlachtfeld, hohl wie ein leeres Theaterhaus. Die Bühne ist eine Bühne, sonst nichts. Kein Bühnen-Bild, kein magischer Ort, sondern eine monumentale Schreinerarbeit: eine nackte Spielfläche, aus Holzbrettern gezimmert, steil ansteigend, dem schwarzen Theaterhimmel entgegen. Nur vorn, nah bei der Rampe, ist in das weite Nichts ein Zeichen gesetzt: Drei Degen stecken da im Holz, ein Totenkopf liegt goldschimmernd am Boden. Und ein winziges Häuflein dürres Laub.

Der Zuschauer hat vor der Aufführung Zeit, den Schauplatz des Dramas zu betrachten. Hier also soll gleich ein neuer Burgtheaterkampf, eine neuerliche Shakespeareschlacht beginnen: Claus Peymanns seit Monaten probierte, seit Monaten umraunte Inszenierung des "Macbeth".

Und wie man sitzt, und wie man schaut, fangen die Erinnerungen an. Vor fast auf den Tag genau fünf Jahren hatte an dieser Stätte Peymanns Kampf um die Entdeckung Shakespeares und die Eroberung des feindlichen Burgtheaterlandes siegreich begonnen – mit der Inszenierung von "Richard dem Dritten". Über Karl-Ernst Herrmanns Bühne (mit dem Eisenstangen-Labyrinth und dem Gullyloch in der Mitte) war ein Geier gekreist, und dann war eines der seltsamsten Menschenwesen auf die Bühne gehumpelt, getänzelt, das man in seinem Theaterleben je gesehen hatte: Richard Gloster, Richard das Monster. Und der Schauspieler Gert Voss begann sein Spiel (mit einem Höllenlächeln, das ein Kinderlächeln war) und hatte es in wenigen Augenblicken gewonnen. Vielleicht, weil er mit der Unverschämtheit des Todesmutigen einfach behauptete, es schon gewonnen zu haben.

Heute abend, fünf Jahre später, sind wir nicht in Richards England, sondern in Macbeth’ Schottland. Diesmal kreist kein Geier, heulen keine Hunde. Diesmal ist die Bühne kein bedrückender Zauberort, sondern einfach ein Riesenstück Holz.

Bei der Schlacht um Schottland (und ums noch immer feindliche Österreich) fehlt dem Burgtheaterdirektor sein genialer Kampfgefährte: MacPeymann zieht ohne MacHerrmann ins Gefecht. Es wird einem bange.

Doch gleich muß ja Gert Voss erscheinen, damals Richard, später Wiens Shylock und Othello, heute Herr Macbeth – und es wird Licht werden auf der Bühne. Doch schon der Auftritt des Helden gerät dann weniger unvergeßlich als nach bewährter Theaterart: Macbeth stürmt aus der Schlacht herbei, eine riesige Kriegsfahne in der Hand. Kein fremdes Wunderwesen, heruntergefallen von Shakespeares Stern, betritt die Bühne, sondern der berühmte Schauspielkünstler: Sein Kostüm sieht aus wie ein Theaterkostüm, seine Frisur wie eine Theaterfrisur, sein Bart wie ein Theaterbart. Und es wird einem angst.