Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen, oder: am Ende des Zeitalters der Aufklärung

Von Günther Nenning

I

Zur zweiten Jahrtausendwende schwärmen die Apokalyptiker nicht wie zur ersten. Die Weltgeschichte selber hat ihnen die Arbeit abgenommen. Sie setzt ihre Geißelhiebe zielgenau, wie gesteuert von Supergolfkriegselektronik. Das Lärmen der Völker schwillt wie das Brausen der verseuchten Ozeane. Auch die Springprozessionen unternimmt die Weltgeschichte selber: zwei Schritte vor und einen zurück, oder wenn ihr das zu fad wird, einen Schritt vor und zwei zurück.

Nur an Propheten künftiger Herrlichkeit mangelt’s. Die Intelligenzija, statt Fortschritt weiszusagen, sieht schwarz. Dazu hat sie die Menschheit 250 Jahre lang aufgeklärt, daß diese jetzt -istisch wird wie nie zuvor (national-, fundamental-, fasch-)?

Nur noch im hintersten Washington triumphalistelt’s. Den Endsieg der Demokratie, das "Ende der Geschichte", weil alle Welt demokratisch wird beziehungsweise amerikanisch, aber das ist ja dasselbe – verkündigt Francis Fukuyama genau zur Stunde, da die Demokratie gefährdet ist wie noch nie, die USA schwach sind wie noch nie, die Geschichte, statt zu enden, zu rasen beginnt, uns überfällt, dagegen war Pearl Harbor ein Scherz.

Der falsche Prophet, aus dem US-Außenministerium ausgeschieden, ist absolvierter Spezialist für Hegel. Kaum hat Fukuyama Hegel begraben, steht Hegel lustig auf, der alte Fuchs, und begräbt den Fukuyama. Geschichte ist da wie noch nie, Geschichtsphilosophie nötig wie noch nie und hatte noch nie einen rätselhafteren Gegenstand als gerade jetzt.