Ein Kolloquium vor dem Umbau des Reichstages

Von Manfred Sack

Welch ein Entschluß wäre das gewesen, die wiedererlangte Einheit des Landes in einer wiederzuerlangenden, neu zu bauenden Mitte Berlins zu formulieren, so wie das zuerst der Reichstagshistoriker Michael S. Cullen und dann der Bundestagsabgeordnete Peter Conradi angeregt hatten, nämlich das Haus des Parlamentes dort zu errichten, wo das Schloß der Hohenzollern gestanden hat. Nicht nur hätten sich damit die absonderlichen Bemühungen um dessen Rekonstruktion und die hektischen Forderungen, den Palast der Republik zu beseitigen, erledigt, es hätte sich damit doch auch mancherlei Gewinn für die Stadt und das Land eröffnet, etwa für einen Bundestag, der sich ins städtische Leben hätte einfügen müssen und sich vom Temperament der Großstadt hätte anstecken lassen können, bannmeilenfrei. Jedoch, die Abgeordneten brachten für den Beginn einer neuen Tradition dann doch nicht die Kraft auf, sondern beschlossen die Fortsetzung der alten: Sie bestimmten das schicksalsbeladene Reichstagsgebäude zu ihrem neuen Sitz. Noch im Frühling wird ein Wettbewerb dafür ausgeschrieben, zu dem alle deutschen Architekten eingeladen und ein paar ausländische hinzugebeten werden sollen.

Um sich aller Möglichkeiten, Wünsche und Warnungen für diese Unternehmung überhaupt einmal klar zu werden, hatte Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth am Wochenende gut zwei Dutzend Historiker, Architekten, Stadtplaner und Parlamentarier in das umzubauende alte Gehäuse eingeladen und sie zusammen mit (immerhin dreißig oder ein paar mehr) Bundestagsabgeordneten und anderen Gästen angehört.

Man saß im Plenarsaal, den der Berliner Architekt Paul Baumgarten (1924-1981) in dem 1933 ausgebrannten, im Zweiten Weltkrieg stark demolierten Monumentalbau eingerichtet hat – im Stil der Nachkriegsmoderne. Es ist ein kantiger, weiter, lichter Saal von einer intelligent gestalteten schönen Kargheit. Bescheidenheit, nicht Angeberei und Machtgelüst gibt sich im ästhetischen Anspruch zu erkennen, ein Saal von demonstrativer Offenheit. Ein Vierteljahrhundert lang war der so radikal in die Gegenwart transponierte, von den Politikern unlustig und verkrampft gebrauchte Ort vor allem und ziemlich unverbindlich "Symbol und Hoffnung".

Das Reichstagsgebäude war – nicht anders als auch der strahlend neue Plenarsaal des geplagten Architekten Günther Behnisch in Bonn, der nach der Sommerpause bezogen werden wird – das, was man ein Architektendrama nennt. Entworfen von dem ebenso geplagten Paul Wallot (1841-1912) nach dem 1882 siegreich bestandenen zweiten Reichstagswettbewerb, die Pläne immerzu verworfen, verändert, umgestoßen, die Räume hin- und hergerückt, auch der Plenarsaal, auch die Kuppel, dieses damals so schrecklich beliebte Merkmal monumentaler Bauwerke, das ihnen nur aufgesetzt war, eine jener "Bastardkuppeln", wie Fritz Schumacher sie nannte, "Symbole monumentaler Hilflosigkeit".

Dabei war die Reichstagskuppel ganz unfreiwillig Wallots wesentlicher Beitrag zur Architektur des Wilhelminismus, weil sie anders als alle anderen Kuppeln hatte werden müssen: Von den unentschiedenen Bauherren mal vor-, mal zurückgeschoben, wölbte sie sich schließlich nicht dort, wo der Architekt ihr schon mächtige Fundamente gebaut hatte, sondern, in der Mitte, nun wirklich über dem Plenarsaal, und deshalb mußte sie leicht, und das bedeutete, aus Eisen und aus Glas konstruiert sein: züchtiger, aber überzeugender Hinweis auf die Moderne. Der Zweite Weltkrieg ließ nur ihr verbogenes Gerippe übrig; vor dem Aus- und Umbau des beschädigten Gebäudes wurde sie gesprengt – und dann ausdrücklich nicht mehr gewollt. Sie wurde als ein falsches, deshalb überflüssiges Symbol begriffen.