Von Helga Hirsch

Je länger über die Vergangenheit in Ostdeutschland diskutiert wird, desto häufiger melden sich Westdeutsche zu Wort – zunehmend erregt, daß die alten Oppositionellen im Osten die Spielregeln der wohltemperierten Streitkultur des Westens nicht einhalten und Gerechtigkeit nicht auf juristische Verfahren reduziert sehen wollen. Zunehmend erregt, wenn diese Ostdeutschen (noch) gar nicht ausgewogen sein wollen, bevor Wut, Bitterkeit, vielleicht auch Rachegefühle zugelassen wurden; wenn sie die Vergangenheit noch einmal sezieren und den Schmerz der Verletzung noch einmal durchleben wollen, bevor sie sich von beidem verabschieden.

Die Auseinandersetzung mit dem "Schmutz" der Vergangenheit gilt so manchem westdeutschen Liberalen als Verletzung der Anstandsregeln und unproduktiv dazu, als hätten wir nicht erst unlängst erlebt, wie die arbeitswütigen, vorwärtsstürmenden Deutschen der fünfziger Jahre schon in den Sechzigern von der Geschichte eingeholt wurden. Wenn aber westdeutsche Kommentatoren in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – in Wolf Biermanns alten Worten – "entschieden zu kurz" treten, dann brauchen sie sich nicht zu wundern, daß alte Oppositionelle aus Ostdeutschland in ihren Reaktionen "ein bißchen zu weit" gehen.

Was die Menschen aus postkommunistischen Ländern im europäischen Dialog dem Westen geben könnten, so sagte der polnische Historiker Adam Michnik einmal, das sei die Erfahrung der Existenz in Grenzsituationen. Aber der Westen will offensichtlich nur äußerst partiell annehmen, was der Osten ihm anzubieten hätte.

Seit 45 Jahren sind die Bürger Westdeutschlands mit keiner politischen Extremsituation konfrontiert worden. Niemand nötigte sie (Gott sei Dank) zur existentiellen Entscheidung zwischen gut und böse, richtig oder falsch, niemand stellte sie vor die Wahl zwischen Kriechertum oder Märtyrertum. Davor bewahrte uns die "Gnade der späten Geburt", die Gnade der Geburt im Westen und eine weitgehende Ignoranz, die das Osteuropa unter Repression und erst recht den Widerstand der Unangepaßten aus dem Blickfeld ausgrenzte.

Manche, die Václav Havel nun als Präsidenten der postkommunistischen Demokratie verehren, hielten ihn als Dissidenten in einer kommunistischen Diktatur für einen zu vernachlässigenden Idealisten. Suchten uns Menschenrechtler (leider) im eigenen Land heim, weil sie sich München oder Köln als Exil erkoren, mußten sie schon das Format eines Lew Kopelew aufweisen, um im Kreise kritischer Intellektueller akzeptiert zu werden. Trug jemand hingegen noch die Kainsmerkmale des Systems, gegen das er opponiert hatte, war er hart, verbittert, unnachsichtig oder war er gar katholisch wie Lech Walesa oder national wie Alexander Solschenyzin, dann erntete er ein verächtlich-mitleidiges Lächeln für primitiven Antikommunismus – und wurde ausgegrenzt.

An dieser Einstellung hat sich bis jetzt nicht viel geändert. Die vielbeschworene Formel der Westdeutschen "Wer weiß denn, wie ich mich verhalten hätte?" dient weniger der fremden als der eigenen Exkulpation. Denn "wer zivile Tugenden wie persönliche Verantwortung und Zivilcourage für Extremleistungen hält, die man eigentlich nur von Hochleistungsdemokraten erwarten könnte", so merkte der Schriftsteller Peter Schneider unlängst an, der "gibt zu erkennen, daß er an dieser Latte nicht gemessen werden möchte".