Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Februar

Alexander Rutzkoj, Pilot, Patriot und russischer Vizepräsident, war während des Afghanistan-Krieges zweimal abgeschossen worden. "Doch Charakter und Willen", so jüngst die Prawda in ihrem Landserheft-Stil über den 45jährigen Helden der früheren Sowjetunion und all jener, die ihr heute nachtrauern, "brachten ihn wieder zum Himmel." Auch nach seinem dritten Abschuß, diesmal durch Boris Jelzin, der ihn vergangene Woche unsanft auf dem Acker landen ließ, wird der Generalmajor nicht aufgeben. Nachdem Rutzkoj vom vergangenen November an zu pausenlosen Einsätzen gegen Jelzins Reformpolitik gestartet war und sie mit Wortgeschossen wie "wirtschaftlicher Völkermord" attackiert hatte, kommandierte der Präsident den Flieger jetzt zur Feldarbeit ab: als "Sonderbeauftragten für Landwirtschaft".

Ein Bewährungsauftrag, der an die Methoden Gorbatschows und der anderen Generalsekretäre erinnert, die ihre Gegenspieler so gerne auf den Schleudersitz an der Erntefront abschoben? Boris Jelzin: "Sie denken wohl an Jegor Ligatschow? Da gibt es aber einen großen Altersunterschied. Unser Vizepräsident hat so viel Energie, daß sie für 48 Stunden Arbeit pro Tag reicht. Deshalb kann er sich jetzt in Rußland tummeln und dort Ordnung schaffen, wo es Sabotage gibt."

War es mehr als ein Kasino-Witz, den Generalmajor zum Gärtner zu machen – wo doch die Privatisierung der Landwirtschaft zum entscheidenden Feld für Rußlands Reformversuch geworden ist? Kann Rutzkoj, der sich zum populistischen Retter Rußlands, der Rüstungswirtschaft und der Rentner aufzuschwingen versuchte, jetzt nicht zusammen mit den Kolchosbossen neuen Blut-und-Boden-Patriotismus aussäen, Eigeninitiative und Einzelhöfe verhindern?

Sicher ist nur, daß Boris Jelzin ihm schon bisher genau auf die Finger gesehen und mit Geduld abgewartet hat, bis der Flieger selbst ins Trudeln kam. Das war am 9. Februar der Fall, als Rutzkoj mit seiner programmatischen Rede vor dem "Kongreß der staatsbürgerlichen und patriotischen Kräfte" auftrat und dort vom rechten Flügel selbst gestört und niedergeschrien wurde. Da zeigte sich, daß der Vizepräsident auf seinem nationalen Blindflug ("Man muß mit den Patrioten arbeiten") sowohl das eigene Format als charismatischer Politiker als auch die populistische Integrationskraft seiner schnell gezimmerten Thesen zur Rettung der Wirtschaft mächtig überschätzt hatte.

So beugt er sich nun seit dem vergangenen Donnerstag bis Mitternacht im dunklen Kreml über erste Entwürfe zum Dorf: "Der Präsident hat mir das vorgeschlagen. Was konnte ein Soldat darauf antworten? Zu Befehl! Und vorwärts marsch! So ist es uns beigebracht worden." Doch der brave Soldat Rutzkoj bleibt der zweite Mann im Staat. Und der übernimmt die Vollmachten des russischen Präsidenten, wenn dieser abgesetzt wird, zurücktritt, sein Amt nicht mehr ausübt oder in den Sielen stirbt.