Das ganze Leben“, sagt Buchmessen-Direktor Peter Weidhaas, „besteht aus Menschen.“ Und gegen das Menschliche im Menschen ist die Vernunft machtlos. Das jüngste Beispiel für die menschlichen Züge selbst im internationalen Geschäftsleben ist eine Frankfurter Vereinsquerele: der Streit zwischen dem mächtigen Börsenverein und seiner erfolgreichen Tochter, der Ausstellungs- und Messe-GmbH. Es geht um die Macht im Aufsichtsrat der Messegesellschaft.

Das Postengerangel im Aufsichtsrat ist das kleine trübe Nachspiel zu einem großen finsteren Skandal, in dem beide, der Börsenverein und die Messegesellschaft, keine gute Rolle spielten. Zur Erinnerung: Im Herbst letzten Jahres beschloß der Aufsichtsrat der Buchmesse (und damit der Vorstand des Börsenvereins, der dort die Mehrheit hat), die iranischen Verlage, die zuvor wegen dem Mordbefehl gegen Salman Rushdie ausgeladen wurden, nach leisen Hinweisen aus dem Auswärtigen Amt wieder ein- und nach lauten Protesten aus der Öffentlichkeit wieder auszuladen. Ein dreifacher Messe-Salto mit anschließender Rückgratverkrümmung. „Leider“, sagt der damalige Aufsichtsratsvorsitzende der Messe, Ulrich Wechsler, heute, „ist uns die Differenzierung zwischen dem Iran und den iranischen Verlagen mißglückt.“

Das ist kein Wunder. Denn diese „Differenzierung“ mußte man schon durch die spezielle Hornbrille des internationalen Buchmanagements betrachten, um sie überhaupt zu erkennen. Dem Tumult der Messe-Woche, in der mißglücklicherweise auch ein Protestbrief Rushdies, der den Messe-Organisatoren vorlag, kurzzeitig vom Frankfurter Erdboden verschluckt wurde, entkamen Messeleitung und Börsenverein nur mit großen Blessuren. Die Sache war peinlich. Jetzt sucht man den Schuldigen.

Der läßt sich im Floskelvorrat des deutschen Vereinswesens leicht finden. Der Schuldige heißt „Kommunikationsstruktur“. Denn, so glaubt der Vorstand des Börsenvereins, das Peinliche wäre so peinlich nicht geworden, wenn man mit ihm, dem Vorstand, nur ausreichend „kommuniziert“ hätte. Um solche „Kommunikationsdefizite“ in Zukunft auszuschließen und um die Weichen für die Bildung einer großen Holding zu stellen, in der alle Töchter des Börsenvereins einem einzigen Aufsichtsgremium unterstellt wären, will sich der Vorstand des Börsenvereins nun auch zum Vorstand der Messegesellschaft ernennen und zukünftig automatisch alle Plätze im Aufsichtsrat der Messe (statt wie bisher nur die meisten) besetzen. Der Vorstand der Messe und der Vorstand des Börsenvereins wären dann ein Vorstand, der nur noch mit dem Vorstand kommunizieren muß, um sich selber zu verstehen. Optimale Kommunikation. Das muß man zugeben.

Die ursprüngliche Idee einer relativ selbständigen Messeleitung, die zur Gründung der Messegesellschaft im Jahr 1964 führte und in deren Statut verankert ist, wäre damit aber zerstört, das Statut müßte geändert werden. Schlimmer: Messedirektor Peter Weidhaas sieht durch die Pläne des Börsenvereins den großen Erfolg dieser größten Buchmesse der Welt bedroht. Eine Domestizierung dieser internationalen und multikulturellen Messe durch deutsches Verbandsdenken könnte die Messe zu einem zwar „verbandsrelevanten“, aber glanzlosen Provinzereignis werden lassen. Ulrich Wechsler, der dem Aufsichtsrat der Messe neun Jahre lang vorstand, „will diese Richtung aus dem Grundsatz heraus, nicht mittragen“ und trat schon im Dezember letzten Jahres zurück. „Manche“, sagt Wechsler resignierend, „mögen den Erfolg nicht.“

Dennoch wäre dieser trübe Streit vermutlich nicht viel mehr als ein trübes Postenspiel unter trüben Vorstandsmenschen, wenn der erfolgreiche Manager der Messe, Peter Weidhaas, nicht mit seinem Rücktritt drohen würde. Sollte der Verlegerausschuß am 5. März der geplanten Strukturreform zustimmen, „muß ich gehen“, sagt Weidhaas. Er könne sich in seiner Arbeit nicht nach Verbandsfürsten richten.

Dieser Rücktritt, heißt es in der Branche, würde die Messeleitung aus der Hand eines liberalen und eigenwilligen Mannes in die Hände von unbeweglichen und geschäftlich nicht sehr erfolgreichen Verbandsfunktionären legen. „Die Vorstellung, daß ein Manager von der Qualität eines Weidhaas sich unter die Kuratel der Börsenvereinsgeschäftsführung begibt“, kommentiert Rowohlt-Chef Michael Naumann, „wäre ungefähr so absurd wie der Entschluß von Günter Grass, fürderhin in demokratischer Absicht die Firma Daimler-Benz zu leiten.“ „Weidhaas“, wünscht sich Michael Krüger vom Hanser Verlag, „sollte wegen Querelen im Börsenverein nicht zurücktreten.“ Um die „Kommunikation“ zu verbessern, schlägt Krüger vor, sollte man Weidhaas in den Vorstand des Börsenvereins aufnehmen.

Es gibt dort, sagen die Kenner, weit und breit niemanden, der eine solche Messe organisieren könnte. Für ein paar Posten mehr in einem Aufsichtsrat, in dem man ohnehin das Sagen hat, sollte man der Messe nicht den Kopf abschlagen. Iris Radisch