Von Gisela Dachs

Bonn, im Februar

Dreißig Minuten lang hatte der Junge stillgehalten, die Augen auf das Spektakel gerichtet, das sich da unten abspielte. Dann stupste er vorsichtig die ältere Dame an, die neben ihm saß, und flüsterte: "Finden Sie das auch so langweilig?" Sprach’s und verließ, dem Ruf seiner Lehrerin folgend, die Besuchertribüne. Der Anschauungsunterricht war beendet. Thema: Alltag im Bonner Wasserwerk.

Auf derselben Bühne fand Mitte Dezember eine jugendpolitische Debatte statt, in der die wachsende Kluft zwischen Jugend und Politik beklagt wurde. Eine dort zitierte Umfrage ergab, daß sich nur neun Prozent der Jugendlichen von Parteien und Regierungen vertreten fühlen; dreißig Prozent der Befragten befürworten die Anwendung außerparlamentarischer Mittel zur Durchsetzung notwendiger Veränderungen. Und gleichgültig, ob Junge Union, Jungsozialisten oder Junge Liberale: Ein Blick auf die rückläufigen Mitgliederzahlen genügt, um festzustellen, daß die Jugend mit Parteipolitik nicht viel zu tun haben will.

Trotzdem fehlt es im Bonner Parlament nicht an Nachwuchs. Im Gegenteil: Hatte es in der vorherigen Legislaturperiode nur vier grüne Abgeordnete unter 35 Jahren gegeben, so zählt man jetzt fast fünfzig Parlamentarier aus allen Parteien im Alter zwischen 25 und 35 Jahren. Daß es sich um die jüngste Abgeordnetengeneration in der Geschichte des Bundestags handelt, belegt die Statistik. Was aber zeichnet diese Generation außerdem aus?

Die Mauer stand schon in ihrem fünften Jahr, als Hans-Martin Bury im April 1966 geboren wurde. Er, der zur DDR "kein Verhältnis" hatte, kam als frischgewählter SPD-Abgeordneter direkt in ein gesamtdeutsches Parlament. Was für ältere Abgeordnete eine Revolution bedeutete, war für die jungen Abgeordneten von Anfang an Normalität.

Wie alle anderen Neuen aus den alten oder neuen Bundesländern wollte Bury nach Bonn, "um sich einzumischen", "um Politik mitzugestalten". Wenn auch nur in ganz kleinen Schritten.