Von Marion Gräfin Dönhoff

Nein und abermals nein: Wer Entspannung suchte, Kontakte anstrebte, politische Verhandlungen an die Stelle von Rüstung und Drohgebärden zu setzen bemüht war, der war kein "Beschwichtiger", sondern ein Realpolitiker. Der wußte nämlich, daß nach marxistisch-leninistischer Gesellschaftslehre alles, was nicht von der Partei kontrolliert wird, der Legitimation entbehrt. Darum hat die DDR das dichteste Spitzelsystem geschaffen, das es je in der Welt gab – selbst Hitlers Gestapo und Stalins NKWD erreichten nicht annähernd eine so totale Überwachung.

Wenn sich herausstellte, daß ein Bespitzelter eigene Gedanken aussprach, verbotene Literatur las, Kritik an Befehlen übte, mit Westlern Kontakte hatte, dann wurde er schnell zum "Verräter" gestempelt, extra überwacht wie Robert Havemann und in bedrohlich erscheinenden Fällen eingesperrt oder des Landes verwiesen.

Es ist richtig, daß es der Druck der Straße war, der die kommunistische Herrschaft in der DDR schließlich zu Fall brachte. Aber warum erst nach 40 Jahren? Weil einige entscheidende Voraussetzungen dafür notwendig waren. In keinem der vorangegangenen Jahrzehnte konnte der Druck der Straße sich durchsetzen: 1953 nicht in Deutschland, 1956 nicht in Ungarn und 1968 nicht in der ČSSR.

Erst mußte Gorbatschow an die Stelle von Breschnjew treten, der das, was sich 1989 ereignete, nie zugelassen hätte. Erst mußte die globale Entspannung zwischen Moskau und Washington die kommunistischen Führer in der DDR und in Osteuropa verunsichern. Von oben mußten also die Voraussetzungen geschaffen werden, damit schließlich der Aufstand von unten Erfolg haben konnte. Letzten Endes kann ein totalitäres System natürlich nur von innen, niemals von außen – es sei denn durch Krieg – überwältigt werden.

Ohne Entspannung wäre die Massenrebellion zum Scheitern verdammt gewesen. Ferner: Ohne Verhandlungen mit den Machthabern konnte keine Veränderung erreicht werden, denn deren Macht war absolut, sie konnten mit ihren Bürgern machen, was sie wollten. Niemand konnte sie daran hindern.

Als Präsident Carter 1977, in den ersten Wochen seiner Regierung, immer neue Erklärungen zum Thema "Menschenrechte" an die Adresse der Sowjets richtete: "Ich sehe es als meine moralische Verpflichtung an, den Menschenrechten auch in anderen Nationen Respekt zu verschaffen", da wurden in Moskau die fünf Anführer des gerade erst – inspiriert durch die KSZE – gegründeten Bürgerrechtskomitees verhaftet (Alexander Ginsberg, Jurij Orlow, Anatolij Schtscharanski, Mikola Rudenko und Alexej Tichij). Eine Kampfansage an die Dissidenten, die, wie der Korrespondent der Süddeutschen Zeitung berichtete, in ihrer Schärfe ohne Beispiel ist, veröffentlichte die Prawda: "Ein kleines Häufchen antisowjetisch eingestellter Menschen, die ihre Heimat und ihr Volk verleumden ... müssen bestraft werden."