Von Ulrich Schiller

Hillary for President"? Amerika, jedenfalls ein Teil des weißen Amerika, würde sich verändert und verjüngt fühlen. Ein anderer Teil allerdings würde die Welt nicht mehr verstehen: Eine Frau will Präsident werden? Nie! Zur Person von Hillary Clinton gibt es viel Vorteilhaftes zu sagen: Studium an der Yale-Universität, gestandene Anwältin und Dozentin, eine juristische Kapazität, im Wahlkampf 1968 für den Vietnamkriegsgegner Eugene McCarthy zum ersten Mal von Politik beleckt, weiter geformt dann im rechtspolitischen Neuland des Kongreßausschusses zur Absetzung von Richard Nixon, profiliert im Engagement für hilfsbedürftige Kinder und Frauen; 44 Jahre alt, eloquent und obendrein auch noch mit Herz. Was man einer Frau bei der Bewerbung um das höchste Amt im Staat anhängen könnte: Schreck- und Zerrbild einer militanten Feministin, Männerhasserin mit lesbischen Neigungen – Hillary Clinton liefert ihnen solch tödliches Gift nicht.

Gewiß gäbe es ungeahnte und bisher unbekannte Schwierigkeiten, wenn in einem kühnen Wahlanschlag die Umkrempelung Amerikas gelänge. Aber "Mrs. President" steht nicht zur Wahl. Hillary Clinton ist nicht Kandidatin, sondern ihr Ehemann. Doch sie hat eine Debatte ausgelöst. "In diesem Lande herrscht ein enormes Machtvakuum", konstatiert Anna Quindlen in der New York Times. "Wir haben einen Amtsinhaber ohne Kompaß und eine Partei ohne Spitzenkandidaten. Da ist es bemerkenswert, daß wir Amerikaner es uns leisten, die Hälfte unseres besten Führungspotentials zu ignorieren – allein auf Grund des Geschlechts."

Hillary Clinton, Frau von Bill Clinton, Gouverneur von Arkansas, Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei im Wahljahr 1992 – da ist es schon, dieses "die Frau von ...", ganz im Sinne der uralten Schablone: Mann auf der Bühne erklärt Präsidentschaftsabsicht, Frau steht daneben, eigentlich eher dahinter, die Kinder hängen ihr verschämt am Rock, gemeinsam himmeln sie Mann und Vater an, der sich im Dienste der größten Sache und mit der moralischen Rückendeckung der Familie nun in das Getümmel des Wahlkampfes stürzen wird.

Auf Hillary Clinton paßt die Schablone nicht. Sie hat sich auch gleich mit ins Getümmel gestürzt, denn die Rufmordkampagne der Skandalpresse gegen ihren Ehepartner wegen einer Affäre, Versuche der "Charakterhinrichtung", wie das hierzulande heißt, waren für Hillary Angriffe gegen sie selbst und gegen das Recht auf ihre Privatsphäre. Wo Scheckbuchjournalismus giftige Blüten treibt und "Kronzeugen" für unziemliche Affären aufzutreiben vermag, weiß Hillary Clinton zurückzuschlagen. Im nationalen Scheinwerfer der CBS, zu allerbester Sendezeit, sagte sie mit Nachdruck: "Ich sitze hier nicht wie irgendeine kleine Frau. Ich sitze hier, weil ich meinen Mann liebe. Ich respektiere ihn; ich achte ihn für das, was er in seinem Leben durchgestanden hat und was wir zusammen durchgestanden haben. Und wenn das den Leuten nicht genügt, dann, zum Teufel, sollen sie ihn eben nicht wählen." Ein Statement mit Unterschrift. Von vielen Seiten hörte Hillary Clinton Beifall und Zustimmung. Das war Unabhängigkeit. Das war starker Wille. Nun hatte die anerkannte Juristin, geschätzte Expertin in Aufsichts- und Verwaltungsräten – das National Journal reiht sie unter die ersten hundert des Landes ein –, auch noch politisch Flagge gezeigt. Nicht um jeden Preis würde sie ins Weiße Haus einziehen wollen. Das war Stoff für Kommentatoren, lieferte die Schlagzeilen für eine neue Debatte – allerdings die falsche.

"Hillary Clinton entwirft eine neue Rolle für Ehefrauen in der Präsidentschaftspolitik", verkündete das Wall Street Journal. "Hillary Clinton verwirft die Rolle der schweigenden Ehefrau", tönte die kalifornische Sacramento Bee. Hatte nicht auch die Washington Post erst kürzlich auf eine Frau, die längst im Rampenlicht zu stehen gewohnt ist, ein ungewöhnlich helles Licht geworfen?

Von Marilyn Quayle ist die Rede, der Frau des amerikanischen Vizepräsidenten. Ein höchst ungewöhnlicher Vorgang: Zwei journalistische Schwergewichte hat das Leib- und Magenblatt der Gesellschaft des politischen Washington aufgeboten, um in voller Größe und Schärfe auszubreiten, wer im doppelten Sinne des Wortes "hinter" dem Vizepräsidenten steht: eine Frau mit eisernem Willen und scharfem Intellekt, auch sie Juristin. Aufs engste verbunden ist Marilyn dem Vizepräsidenten, stets präsent. Täglich mehrfacher Austausch. Anfrage und Rückfrage. So haben Bob Woodward und David Broder herausgefunden. Mit dem Auge eines Adlers und mit der Angriffslust eines Dobermannes wacht sie über das Image ihres Mannes. Ausführlichst schildern die Washington Post-Autoren, wie Frau Marilyn, 42, dunkelhaarig, drahtig, ein Großphoto ihres Dan im Arbeitszimmer beanstandet (es ließ einen Bauch hervortreten), es erst aus dem Rahmen schneiden will und schließlich wütend aus dem Rahmen tritt. Dem heutigen Außenminister und damaligen republikanischen Wahlkampf-Chef James Baker macht sie völlig unverschlüsselt den Vorwurf, ihren Mann nicht genügend gestützt zu haben, damals, 1988 in New Orleans, als George Bush den unbedarften Dan Quayle zu seinem Vize machte.