Von Christine Brinck

MÜNCHEN. – Das deutsche Bildungswesen hat einen Bereich, um den es das gesamte Ausland beneidet. Es ist nicht das Gymnasium, nicht die Universität und schon gar nicht die Hauptschule – es ist die Lehrlingsausbildung. Zum ersten Mal aber steht das Land, das sich dieses System aus mittelalterlicher Zunftzeit herübergerettet hat, vor der Tatsache, daß es mehr Hochschüler als Lehrlinge ausbildet. Vom Lehrlingsberg zum Lehrlingsloch in wenigen Jahren – und das Loch wird immer größer.

So wie die Amerikaner Weltmeister der höchsten akademischen Bildung sind, so waren die Deutschen die Weltmeister der Berufsausbildung. Nimm dem deutschen Bildungssystem die Lehrlingsausbildung, und du raubst ihm seinen erfolgreichsten Zweig. 1,5 Millionen Studenten stehen derzeit 1,6 Millionen Lehrlinge entgegen. In Bayern werden – so der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) – bereits ebenso viele Maurer wie Architekten ausgebildet, nämlich 5000. Auf einen Architekten ein Maurer – und wer baut die Häuser?

Diese Entwicklung könnte der Anfang vom Ende des deutschen Wirtschaftswunderlandes sein. Denn nicht das Abitur oder die Universität zeichnen Deutschland aus, sondern die Klasse seiner Facharbeiter. Sie garantieren Made in Germany, nicht die aus- und andauernd studierenden Studenten.

Auch wenn sich mancher darüber mokiert, daß selbst die Brötchenverkäuferin drei Jahre in die Lehre muß – um den Deutschen im Blaumann mit Meisterbrief hat uns noch jeder beneidet. Vorbei, vorbei, das Ausland kann sich den Neid nun sparen. Dem deutschen Handwerk fehlen an die 350 000 Facharbeiter (davon 30 000 in den neuen Ländern). Viele Betriebe können deshalb ihre Aufträge kaum erfüllen. Fachpersonal wird langsam so rar wie ein Sechser im Lotto. Jedes Jahr gehen 33 000 Bauhandwerker in Rente und nur 11 000 Gesellen rücken nach. Im Bäckerhandwerk fehlen rund 25 000 Fachkräfte, ergo geben immer mehr Betriebe auf, obwohl es – höchste Ironie – der Branche gutgeht.

Geschichten über die vergebliche Suche nach Bäckergesellen, technischen Zeichnern, KFZ-Elektrikern oder Betonbauern sind Legion. In der Baubranche fehlen an die 60 000 Facharbeiter. Immer weniger wollen sich die Hände schmutzig machen, um vier aufstehen oder gar Samstagarbeit leisten. Der Zehntkläßler steuert lieber das Gymnasium an, weil ihm das Abitur Aussicht auf viele Jahre Studium verschafft.

Schließlich hat es sich längst herumgesprochen: Während der Lehrling arbeiten muß, geht sein gleichaltriger Kumpel an Gymnasium und Hochschule einer vergleichsweise ruhigen Beschäftigung nach. Außer dem Kampf um ein freies Stühlchen im Hörsaal hat er einstweilen nicht viele Kämpfe zu bestehen, es sei denn, man rechnete den um den Parkplatz dazu. Der Student muß selten früh aufstehen, hat lange Ferien und viel Zeit, seinen Abschluß zu machen. Und Geld kostet’s auch nicht. Am Ende winken Arbeitsplätze, in denen er sich wieder nicht die Hände schmutzig machen muß, weil der weiße Kragen den Blaumann ersetzt.