ARD, Sonntag, 16. Februar: „Der häßliche Deutsche: Gibt es ihn wieder

Es gibt Themen, die von den Medien erfunden, hochgespielt, breitgetreten und schließlich begraben werden, ohne daß außerhalb von Zeitungsverlagen und Fernsehredaktionen ein Hahn nach ihnen krähte. Fast möchte es scheinen, als gehörte der „häßliche Deutsche“ dazu. Da versteht sich etwa in der Tribune ein Schreiber zu der Behauptung, den Deutschen steige ihre Souveränität zu Kopf – schon fängt man in Hamburg den Ball im Fluge, der Spiegel macht mit dem „häßlichen Deutschen“ auf, und die ARD stiftet ihre Korrespondenten an, in Warschau, Prag, Paris nach dem mißgestalteten Teutonen zu fahnden. Mit dem Ergebnis, natürlich, daß der Deutsche im Ausland teils dick, teils doof, teils dreist auftritt und manchmal auch ganz nett gefunden wird. Über die Karikaturen – den Lederhosensepp, den Spieß, das Gretchen – lacht man immer noch, und in Straßeninterviews erschauern Aus- und Inländer pflichtschuldig vor Extremisten. In dieser Manier können sich Presse und Fernsehen bis weit ins nächste Jahrtausend mit ihren eigenen Ausgeburten beschäftigen, ohne zu bemerken, daß die Frage nach dem Image der Deutschen inzwischen wirklich, und daß heißt: auf verwickelte Weise, aktuell geworden ist.

Der „häßliche Deutsche“ ist ein journalistisches Gesellschaftsspiel. Wer mitspielen will, soll einsteigen und es den Briten übelnehmen, daß sie unsere Volksmusik veralbern, den Polen, daß sie das Goethe-Institut in einen stalinistischen Prunkbau stecken, und den Holländern, daß sie uns „Moffen“ nennen. Er darf dann den Polen danken, daß sie uns „toll“ finden, und den Franzosen, daß Deutschland bei ihnen „in“ ist – er wird Franzosen und Polen finden, die Deutsche hassen, und Engländer, die „uns“ bewundern. Mit einem Wort, das Spiel vom „häßlichen Deutschen“ ist ein ziemlich dusseliger Zeitvertreib, denn der gesuchte. Antityp ist mit Sicherheit überall und nirgends zu finden.

Nun kommen aber mediale Fiktionen wie der „häßliche Deutsche“ nicht zufällig zustande. Es ist klar: Die Wiedervereinigung, die vergrößerte Mittelmacht, die wachsende Wirtschaftskraft – das machte den Minusmann plötzlich akut. Journalisten arbeiten mit Hypothesen, die sie dem Publikum zur Überprüfung hinwerfen, und der häßliche Deutsche lag nahe. Gleichwohl riecht das Ganze nach einem Gemisch aus Heuchelei und Koketterie und ist ärgerlich nicht nur als mediengemachtes Scheinproblem, sondern erst recht als Ablenkungsmanöver.

Das wirklich verwickelte Imageproblem, das die Deutschen haben und verschärft kriegen werden, funktioniert genau andersrum: Man hält sie für viel zu „schön“, will sagen zu stark, zu hilfreich, zu weltklug. Daß global Minderheiten die wachsende Macht der Deutschen fürchten, die Deutschen selbst eingeschlossen, verhindert keineswegs, daß Mehrheiten auf sie bauen und alles von ihr erwarten. „Der häßliche Deutsche“ wäre das viel kleinere Problem, ja das reinste Wunsch-Image im Vergleich zu den Spannungen, die den Deutschen aus der Überschätzung ihrer – vor allem politischen – Leistungsfähigkeit erwachsen werden.

Barbara Sichtermann