Von Janusz Tycner

Wer diese Abfahrt übersteht, darf sich glücklich schätzen. Nicht von ungefähr wurde sie auf den Karten rot gekennzeichnet und mit mehreren Ausrufezeichen versehen. "Kaskada" heißt die Teufelspiste. Knappe drei Kilometer zieht sie sich von der Spitze des Skrzyczne-Berges hinunter bis zur Talstation des Sesselliftes am Olimpia-Erholungsheim.

Während ich in die Bindungen steige, merke ich, wie meine Knie weich werden. Die "Kaskada" ist steil, sehr steil, dazu mit Eisflächen und Buckeln übersät. Richtig halsbrecherisch wird sie aber erst nach einigen hundert Metern, dort, wo die breite Waldlichtung abrupt an einem atemberaubend schmalen Steilhang endet. Unebenheiten zwingen zur Slalomfahrt, es wird noch enger und buckliger. Der erschrockene Fahrer muß ein Maximum an Konzentration, an Kondition und an Gottvertrauen aufbringen, soll das Abfahrtsabenteuer nicht mit einem gefährlichen Sturz enden.

Schweißgebadet, mit zitternden Knien, komme ich unten an und gelobe, die "Kaskada" fortan zu meiden. Polens laut Statistik unfallträchtigste Piste hat meinen Bedarf an derart waghalsigen Skierlebnissen gestillt. Warum diese Piste noch nicht gesperrt wurde, wie es Bergwacht und Fachpresse seit Jahren fordern, bleibt ein Geheimnis.

Der Skrzyczne-Berg, mit seinen knapp 1300 Metern der höchste in der Gegend, hat noch drei weitere, ähnlich gefährliche Abfahrten zu bieten und ist deshalb keinem Anfänger zu empfehlen. Dennoch finden Skifahrer, die sicher und ohne Angst im Nacken durch den nördlichen Teil der Beskiden gleiten möchten, in der Umgebung von Szczyrk, des kleinen Ortes zu Füßen des angsteinflößenden Skrzyczne-Berges, ein vielfältiges Angebot an Pisten. Deshalb genießt Szczyrk, neben Zakopane in der Hohen Tatra, den Ruf, Polens zweite Winterhauptstadt zu sein.

Das von sanften, mittelhohen Bergketten umgebene 5000-Seelen-Städtchen, keine zwanzig Kilometer südlich von Bielsko(Bielitz)-Biala gelegen und rund siebzig Kilometer von Kattowitz entfernt, ist vollkommen abhängig von den Skitouristen. Noch vor kurzem war den Einwohnern eine sorglose Existenz garantiert. Mit dem ersten Schnee kamen Woche für Woche Tausende erholungssuchender Bergleute und Stahlarbeiter samt Familien in betriebseigenen Bussen aus dem benachbarten, ökologisch schwer angeschlagenen oberschlesischen Industrierevier. Die Schwerindustrie, Hätschelkind kommunistischer Machthaber, schwamm buchstäblich in Geld. Zahlreiche klotzige Erholungsheime der Bergwerke und Stahlhütten wurden in den vergangenen dreißig Jahren errichtet und verschandeln seitdem die Landschaft.

Von Jahr zu Jahr fiel es dem kleinen Ort schwerer, den Massenansturm zu verkraften. Lärm, Hektik, das Gerangel an den Skiliften, das Gedränge auf den Pisten, die immer schlechtere Luft, durch Autoabgase und Hunderte von Kohleöfen in den Häusern verpestet, verwandelten einen Szrczyrk-Urlaub zunehmend in eine Strapaze. Doch die Leute hatten keine andere Wahl. In den naheliegenden Skiorten Wisla, Korbielow, Brenna, Zywiec und auch in Zakopane sah es nicht anders aus. An einen Skiurlaub im Ausland war jahrzehntelang nicht zu denken. Seit zwei Jahren, seit sich die politischen Verhältnisse geändert haben, hat sich auch die Lage grundlegend geändert. Das merkt man auf Schritt und Tritt.