Von Matthias Naß

Seoul, im Februar

Der Gegner ist niedergerungen. "Durch die Gnade Gottes hat Amerika den Kalten Krieg gewonnen", verkündete George Bush Ende Januar in seiner Botschaft zur Lage der Nation. Aber noch ist der Sieg unvollständig. Im Waffenstillstandsort Panmunjom am 38. Breitengrad, wo das Schattenreich des nordkoreanischen Diktators Kim II Sung beginnt, schildert Jim Foreman, Sergeant in der US Army, das Leben der Bauern von Taesong-dong mitten in der demilitarisierten Zone: Bei Einbruch der Dunkelheit müssen alle von den Feldern ins Dorf zurückgekehrt sein, ab 23 Uhr sind die Türen und Fenster geschlossen zu halten. Tag und Nacht patrouillieren schwerbewaffnete Streifen um das "Dorf der Freiheit".

Seit elf Monaten leistet Sergeant Foreman, ein aufgeschlossener Bursche aus dem Norden des Bundesstaates Indiana, seinen Dienst in Camp Bonifas – benannt nach einem amerikanischen Hauptmann, den nordkoreanische Grenzer 1976 mit Äxten erschlugen, als die Amerikaner eine Pappel stutzen wollten, die ihnen die Sicht auf einen ihrer Wachposten nahm. Längst ist ihm die tägliche, schweigende Konfrontation mit den nordkoreanischen Soldaten ("Wir dürfen nicht mit ihnen sprechen") zur Routine geworden. Die kleinen Abwechslungen im Militäralltag, wie jetzt die vielen Fasanen in ihrem prächtigen Winterkleid, beschäftigen ihn mehr als das große weltpolitische Duell, für das Panmunjom, ähnlich wie einst der Checkpoint Charlie in Berlin, zum Symbol geworden ist.

Noch ist Panmunjom kein Museum des Kalten Krieges. Die einstündige Anfahrt von Südkoreas Hauptstadt Seoul führt durch Militärkontrollen und ein Dutzend meterdicker Panzersperren aus Beton und Stahl. Aber in Panmunjom richten sich die Blicke nicht mehr auf die schäbige Waffenstillstandsbaracke, an deren mit grünem Filz bespannten Tisch amerikanische und nordkoreanische Offiziere sich über Jahrzehnte hinweg größerer oder kleinerer Grenzprovokationen beschuldigten, sondern auf das wenige Schritte entfernte, von den Südkoreanern erbaute elegante "Freiheitshaus". Dort haben Vertreter der Regierungen in Seoul und Pjöngjang vor anderthalb Jahren jenen mühevollen Nord-Süd-Dialog begonnen, der jetzt unerwartete Früchte trägt.

Im September 1990 reiste erstmals der nordkoreanische Ministerpräsident über den Grenzort nach Seoul. Panmunjom solle zum "Symbol der Einheit" werden und nicht länger für "Konfrontation und die Teilung des Vaterlandes" stehen, sagte der Delegationssprecher Pjöngjangs damals. Für den Süden führte Ministerpräsident Kang Young Hoon die Gespräche. "Das war wirklich eine bemerkenswerte Erfahrung", erinnert sich der heutige Präsident des südkoreanischen Roten Kreuzes. "Schließlich war es das erste Mal überhaupt, daß sich die Regierungschefs beider Staaten trafen. Ich bin sehr froh, daß es meinem Nachfolger nun gelungen ist, mit dem Norden ein Abkommen zu schließen."

Der Durchbruch gelang am 13. Dezember vorigen Jahres mit der "Vereinbarung über Versöhnung, Nichtangriff, Austausch und Zusammenarbeit". Ähnlich wie einst der Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR soll diese Übereinkunft nach dem Willen der Regierung in Seoul den Beginn eines geregelten Nebeneinanders und einer allmählichen Annäherung der beiden verfeindeten Staaten bilden. Beide Seiten verpflichten sich in dem Abkommen, sich nicht in die Angelegenheiten des anderen einzumischen, Differenzen friedlich beizulegen, wirtschaftlich zusammenzuarbeiten und Informationen und Besucher auszutauschen.