Von Lothar Baier

Im Jahr 1951 erschien in Frankreich Albert Camus’ "L’homme révolté", bereits zwei Jahre später brachte Rowohlt unter dem Titel "Der Mensch in der Revolte" die deutsche Übersetzung auf den Markt. Das Wiederlesen des Essays ruft Erinnerungen an die Schulzeit in den fünfziger Jahren herauf, als der Existentialismus für eine die Erziehung der Jugend gefährdende Richtung gehalten und deshalb aus der Schule verbannt wurde: um so besser für die Lektüre des fälschlicherweise den Existentialisten zugerechneten Camus, die sich mit dem Nimbus des Unerlaubten umgeben konnte. "Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der nein sagt." Unter der Schulbank gelesen, versprach der Anfang des ersten Kapitels ein mitreißendes Manifest zur Auflehnung gegen eine Welt, die ununterbrochen Zustimmung zu ihrer Übermacht verlangte. Daß dieses Manifest dann im Buch auf sich warten ließ, daß statt dessen von der Gnosis, von Hegel und anderen schwierigen Dingen die Rede war, was machte es aus? Man würde die codierten Botschaften des geheimen Verbündeten Camus beizeiten enträtseln lernen.

Vorsicht ist geboten, wenn "Der Mensch in der Revolte" beim Wiederlesen nach sehr langer Zeit Ernüchterung auslöst: Es gibt nicht mehr viel zu enträtseln, und das Enträtselte scheint manchmal die Arbeit des Enträtseins nicht wert. Denn die Wiederbegegnung mit etwas einmal Verehrtem ist immer auch eine Begegnung mit eigenen täuschenden Projektionen, und die Versuchung liegt nahe, die Verantwortung dafür auf das einmal verehrte Werk selbst abzuwälzen.

Camus kann aber nichts für den Nimbus, der seinem Buch dann abhanden gekommen ist; er ist nur für das Buch selbst verantwortlich, das er geschrieben hat. Dann muß er sich allerdings einige Fragen gefallen lassen, die vielleicht nur aus größerer zeitlicher Distanz gestellt werden können. Nur darum kann es bei einer "Revision" gehen, die nicht mehr sein will als eine nüchterne Nachprüfung und die die fürchterlichen ideologischen Implikationen, die der Ausdruck Revision heute mit sich schleppt, herzlich verabscheut.

Was hat Camus gewollt, als er die jahrelange Arbeit an diesem Buch auf sich nahm? Es schien ihm etwas vorzuschweben wie ein Gegenmanifest gegen die Manifeste der Surrealisten, das die Bilanz aus den inzwischen eingetretenen Katastrophen zog und der Leichtfertigkeit entgegentrat, mit der Andre. Breton und die Seinen "vor allem und immer die Revolution" gefeiert hatten. "Der Mensch in der Revolte" will die Revolte retten und deshalb die Leinen kappen, die sie an die Revolution und damit an die Geschichte binden, und das ist für den Zeitgenossen des Stalinismus die Geschichte der grauenhaften im Namen der Revolution begangenen Massenverbrechen.

Die Frage: Revolte oder Revolution?, mit der sich die linken Intellektuellen aus der Zeit des Surrealismus herumschlugen (siehe Walter Benjamins "Der Surrealismus – letzte Momentaufnahme der europäischen Intelligenz"), ist für Camus unwiderruflich entschieden; weil aber auch die geschichtliche Revolte selbst von der Kompromittierung durch Rechtfertigungen des Verbrechens bedroht ist, muß sie im Innern des Menschen Zuflucht suchen. Es geht ihm um nichts weniger als um die Ambition, eine Anthropologie des revoltierenden (oder empörten, révolté läßt beide Bedeutungen zu) Menschen zu schreiben.

Damit hat sich Camus zweifellos übernommen. Nachdem die Aktualität der Auseinandersetzung über Revolte und Revolution an Virulenz verloren hat, hält das Gebäude nicht mehr zusammen, das Camus um seine Idee herum errichtet hat: Zu heterogen sind die Einzelteile und die Stoffe, aus denen es sich zusammensetzt. In dem Bemühen, seine Anthropologie systematisch zu begründen, hat Camus unterschiedslos auf Durchdachtes und auf bloß Angelesenes zurückgegriffen; in den ersten Kapiteln, die der "metaphysischen Revolte" gewidmet sind, gewinnt der wenig erbauliche Stil der Seminararbeit mit ihrer charakteristischen Mischung aus Autoritätsabhängigkeit und auftrumpfender Schulmeisterei allzuoft die Oberhand: Wir werden daran erinnert, daß Camus einst als Philosophiestudent über den "Neoplatonismus und das christliche Denken" gearbeitet hat. Die klappernde Sprache des philosophischen Handbuchs, das etwa über die Gnosis zu sagen weiß, sie sei "das Ergebnis einer griechisch-jüdischen Zusammenarbeit", so als handele es sich um ein Vertragswerk, läßt dem Geist der Revolte, dem die Abhandlung gelten soll, wenig Überlebenschancen.