Eine Sache muß von Anfang an klar sein: Todi ist weder die schönste Stadt der Welt, noch die, in der man am besten leben kann. Das beeilen sich zu erklären: Decio Lucio Grandoni, Bischof von Todi; Giorgio Comez, Stadtarchivar; Manfredo Retti, Professor und Leiter des kommunalen Kinos; die Freunde vom Verein Pro-Todi; Massimo Cappelletti, Arzt; Roberto Baglioni, Kunsttischler; Giovanni Tenneroni, Maler; – und viele andere vernünftige Einwohner Todis, die Eigentümer ihrer Stadt bleiben wollen.

Um nicht zu übertreiben, kann man also einfach sagen: Todi ist wunderschön. Auf zwei Hügeln ruhend, blickt die Stadt ins Land, das mit Kastellen gesäumt ist wie ein Turm mit Zinnen – und läßt sich bewundern. Auch Richard Levine hat sie bestaunt, mit den gleichen großen Augen, die seit 700 Jahren die Wanderer und Pilger machen, die eins der vielen Tore Todis durchschreiten.

Todi ist eine sehr alte Stadt, bewohnt von etwa 8000 Menschen (weitere 9000 bevölkern das Land ringsum). Wie andere umbrische Städte ist sie zur Zeit der Comuni (13. bis 14. Jahrhundert) in einem Italien erblüht, das auch im Mittelalter „ein Land der Städte“ war.

Richard Levine, ein amerikanischer Städteplaner und -forscher unserer Zeit, versucht in seinem Center for Sustainable Cities (Zentrum für lebenswerte Städte) in Lexington, Kentucky, die Stadt der Zukunft von den Krankheiten der modernen Städte zu befreien. Der Professor destilliert in seinen computerisierten Retorten eine urbanistische Lösung, inspiriert von mittelalterlichen Rezepturen.

Levine war im vergangenen Herbst zum zweiten Mal nach Todi gekommen, eingeladen zu einem Kongreß über Tourismus auf dem Lande. Gewöhnt an die befahrbare Leere amerikanischer Cities und an den Niedergang der Metropolen, muß der amerikanische Gelehrte in Umbrien eine Vision aus Geschichte und Schönheit geschaut haben, des seltenen Gleichgewichts von Mensch und Natur. Er fand eine Stadt, weder zu klein noch zu groß, mit idealem Klima, gewachsen nicht auf Kosten der natürlichen Umgebung, sondern in Harmonie mit ihr. Bei seiner Rückkehr über den Ozean war in ihm die Überzeugung gereift, daß seine „lebenswerte“ Stadt der Zukunft in einer Stadt wie Todi einen illustren Vorläufer aus dem Mittelalter hat.

Von Stund an eroberte seine These der mittelalterlichen Stadt von morgen die italienische Presse. Die Italiener, bekanntlich ein Volk von Erfindern, schrieben in renommierten Zeitungen und sagten im Fernsehen, daß der amerikanische Wissenschaftler Richard Levine eine phantastische Entdeckung gemacht habe: Todi sei die schönste und lebenswerteste Stadt der Welt. Je nun: Bevor die Presse den Reiz Todis hinausposaunte, lebte es sich dort um einiges besser. Denn wo immer sich heute ein bißchen Schönheit zeigt, steht sofort jemand an, sie zu kaufen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, beeilen Sie sich: Ein weiteres Stück Italiens kommt unter den Hammer!