Unter Paukenschlägen, Trommelwirbeln, Pfeifentrillern zieht eine Gruppe von zwölf Personen vom Barrio de la Viña, dem Weinbergviertel, über die Straße San Rafael zur Plaza de Falla. Wo es ihnen gefällt, an einer Straßenecke, auf einem Platz, vor einer Bar, bleiben sie stehen, singen ihre Lieder, illustrieren deren Inhalt. Die Passanten, Leute mit Masken und Kostümen, hören zu, sehen zu, applaudieren. Der Herkules im Löwenfell wird von zwei Frauen bedrängt, die eine aufreizend luftig bekleidet, die andere hochgeschlossen, züchtig. Auf das Werben der ersten geht der muskulöse Mann scheinbar ein, für die zweite entscheidet er sich. Einer Schlange schlägt er zwölf Köpfe ab, einer Amazone raubt er den Gürtel, einen als Himmel verkleideten Mann, übersät mit Wolken und Sternen, packt er sich auf den Rücken, zwei Säulen errichtet er aus je zwei Männern mit marmorgemusterten Hosen und Hemden, indem er einen auf des andern Schultern hebt. „Eine gute Nacht, schönes Cádiz“, singt die Gruppe, „Silbertäßchen, Meeresbraut, Königin und Herrscherin Andalusiens, unsere Komplimente bringen wir dir, himmlische Göttin, Blumengarten, blutende Nelke, Sonnenstrahl, anmutige Muse, Tempel der Kunst, kleines Cádiz, meine große Liebe.“

In der Nacht von Karnevalssamstag auf -sonntag ist ganz Cádiz auf den Beinen, zieht gruppenweise durch die Straßen, von Platz zu Platz, wo Podeste aufgebaut sind, auf denen Karnevalsgruppen ihre Lieder zum besten geben. Leute in den phantasievollsten Kostümen, einfach oder aufwendig, schlicht oder luxuriös, schlendern, laufen, springen wild von Ort zu Ort, auf der Suche nach Spaß und Unterhaltung, treiben pantomimisch oder redselig ihre Scherze mit Passanten, besonders unter dem Einfluß des vino fino, des Sherrys aus der Gegend. Auch aus den Städten ringsum, aus San Fernando, Puerto Real, Chiclana, El Puerto, Jerez, kommen Zigtausende, um sich zu amüsieren. Cádiz steht kopf und vibriert.

Eine Gruppe von zehn Zahnpastatuben mit rotweiß bemalten Gesichtern und Schraubverschlüssen auf dem Kopf drückt sich an fünf grünen Glascontainern vorbei, deren höchste Freude darin zu bestehen scheint, den Vorübergehenden Weinflaschen abzunehmen: Sie müssen nicht immer ganz leer sein. Eine Meute von Männern mit Hundeköpfen stürzt sich auf zwei Figuren in Zeitungskostümen und zerrt an den flatternden Ausschnitten. Eine Packung Wäscheklammern vertreibt die Hunde mit ihren Stelzen und bietet sich an, die abgebissenen, abgerissenen Artikel wieder zu befestigen.

Auf der Plaza de San Antonio drängt sich eine Menschenmenge um das Podest der Karnevalsstiftung und der Stadtverwaltung. Ein coro, ein Chor aus rund vierzig Männern, Tenöre und Bässe, alle als Seejungfrauen verkleidet, mit langer, blonder Perücke, tangverschmiertem Gesicht, unverhüllter Plastikbrust und blaugrün schillernden Hosen, von Gitarren, Lauten und Bandurrias begleitet, gibt Proben aus seinem Repertoire: „Ole, olé, mein schönes Cádiz, schön wie ein Morgenstern ... du bist die Sucht meines Lebens, Königin des Meeres.“

El Carnaval de Cádiz – gefeiert wie an keinem anderen Ort Iberiens, beliebt wie seine berühmten Vettern aus Köln, Mainz, Venedig, Nizza, Santa Cruz de Tenerife, Rio de Janeiro. Der Karneval von Cádiz: Das sind Saturnalien, Bacchanalien, das ist die Stunde Don Carnals, der Fleischlichkeit, der Befreiung des Körpers, der Sinne, der tierischen Instinkte vom disziplinierenden Geist, der Ausbruch des Volkes aus dem Gefängnis der Normen, das Abstreifen der Fesseln aus Geboten und Verboten der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit, das Ausdruck findet in Grimassen, Infantilismen. Angehäufte Spannungen entladen sich in Aggressivität, Provokationen, Beleidigungen, Tätlichkeiten, münden in erotische Spiele und sexuelle Exzesse.

Aber nein! Karneval in Cádiz? Das ist Volksbelustigung, Amüsement, Entertainment, ein Massenschauspiel, das sind Gesang, Rhythmus, laute Musik, Krach im ohnehin nicht leisen Land des Lärms, das sind harmlose Lieder, zahme Klagen, höfliche Kritik, mehr Schmeichelei als bissige Satire, schlichter Klamauk eher als beißende Ironie, wohlerzogene Heiterkeit, bescheidene Freude. Im Karneval von Cádiz ist nicht erlaubt, was sonst verboten ist, der Karneval symbolisiert nur das Verbotene, Schlechte, das schließlich vom Guten besiegt wird: Don Carnal wird von Doña Cuaresma angeklagt, gefräßig, versoffen, faul und lasziv zu sein, und wird exekutiert. Der Karneval ist nicht das heidnische Fest, sondern ein Kind des Christentums, die Vorbereitung auf die Cuaresma, die Fastenzeit, und die Semana Santa, die Karwoche, das Ventil, das prophylaktisch geöffnet wird, um das Gebot des Fastens um so verbindlicher zu machen und die Semana Santa um so ernster und feierlicher zu begehen.

Ach, laß doch die Hypo-, Anti-, Syn- und andere Thesen, sagt der als Fischer verkleidete Professor aus Sevilla, laß deinen Drang nach Verstehen, deine faustische Erklärungssucht, verstrick dich nicht in deinem Netz. Misch dich einfach unters Volk, schwimm mit, laß dich treiben im Strom des karnevalistischen Lebens, sperr Augen auf und Ohren und den Mund, in Cádiz ist sowieso alles anders – und einzigartig.