Von Henryk M. Broder

Auf der letzten Seite seiner Erinnerungen stellt sich Herbert Freeden die Frage, was aus ihm geworden wäre, wenn ihn die Nazis nicht aus Deutschland vertrieben hätten. „Vielleicht Feuilletonredakteur des Berliner Tageblatts oder Theaterkritiker der Vossischen Zeitung, Cheflektor des S. Fischer Verlags oder Dramaturg des Deutschen Theaters.“ Die Antwort ist so spekulativ wie die Frage, das abwägende Vielleicht rückt die verpaßten Karrieren ein wenig zurecht. Vielleicht wäre Herbert Freeden nur Feuilletonredakteur bei der Ostsee-Zeitung oder Dramaturg des Stadttheaters von Schwerin geworden, vielleicht wäre er heute ein verbitterter alter Mann, der seine Zeit mit Taubenfüttern im Grunewald verbringen und sich immerzu fragen würde, was denn aus ihm geworden wäre, wenn er die Chance bekommen hätte, aus Deutschland wegzugehen. Mit anderen Worten: Vielleicht hat Herbert Freeden Glück gehabt, daß er aus Deutschland vertrieben wurde. Er kann auf ein abwechslungsreiches, aufregendes, abenteuerliches Leben zurückblicken. Er hat eine Geschichte zu erzählen. Und wer kann das schon von sich behaupten?

Die meisten Emigranten, die ihre Erinnerungen veröffentlichen, tun dies – ausgesprochen oder implizit – unter der Prämisse, daß ihr Leben einen ganz anderen, nämlich besseren Verlauf genommen hätte, wenn sie nicht gezwungen gewesen wären, ihre Heimat zu verlassen. Daß sie also entwurzelt, aus der Bahn geworfen, kulturell „enteignet“ wurden, fassen sie als Schicksalsschläge auf, die ihr Leben deformiert haben. Sie haben das „Eigentliche“, das sie waren oder werden wollten, aufgegeben und sich mit irgendeinem Ersatz arrangieren müssen. Statt im Tiergarten gingen sie im Central Park spazieren; statt der „Lustigen Witwe“ schauten sie sich die „Chorus Line“ an. Und statt nach Bad Kissingen in die Kur zu fahren, hatten sie ihren Spaß in den Catskills in Upstate New York. Und dennoch klagen sie über ein falsches Leben oder, wie der Titel der Freeden-Erinnerungen lautet, ein „Leben zur falschen Zeit“.

Dabei legt Freeden Zeugnis vom Gegenteil ab. Geboren in Posen, aufgewachsen in Kassel und Berlin, flüchtete er 1939 nach England, wo er als „feindlicher Deutscher“ auf der Isle of Man interniert wurde, bevor er als Freiwilliger in die britische Armee eintrat, um gegen die Nazis zu kämpfen. Nach dem Krieg ging er nach Palästina beziehungsweise Israel, von wo aus er vierzig Jahre lang für deutsche Zeitungen aus und über den Nahen Osten berichtete. Freeden wurde, wie er gleich im ersten Satz seiner Autobiographie feststellt, „hineingeboren in Widersprüche“. Sein Vater war „ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, mit einer Vorliebe für „Operetten, deutschen Sieg und deutschen Wein“. Es gab keine polnisch sprechenden Juden in Posen, „die einzigen bodenständigen Deutschen waren die Juden, die ansässigen Träger deutscher Sprache, Tradition, Kultur“. Nachdem Posen an Polen fiel, optierte auch die Familie Freeden für die deutsche Staatsangehörigkeit, um ins Deutsche Reich, nach Kassel, abziehen zu dürfen.

Freeden beschreibt sehr anschaulich, mit viel Sprachwitz und Selbstironie die Zeit vor 1933, ohne sie zu idealisieren und zu verklären, wie das bei den meisten Memoiren aus jenen Tagen der Fall ist. Er erinnert sich nicht nur an das biedere Familienleben daheim, die Schulfreunde, mit denen er den Republikanischen Jugendbund Schwarz-Rot-Gold gründete, um die Republik zu retten, und die Tanzstunden, die von den jüdischen Familien organisiert wurden, „um ihre Söhne und Töchter gesellschaftsfähig zu machen“. Ganz besonders gut kann er sich an die erotischen Sensationen seiner Jugend erinnern, an Elly, die mit Freeden senior im Beisein der Mutter unter dem Tisch füßelt und später Freeden junior zu sich ins Bett zieht; oder an Fee, mit der er drei Tage im Bett bleibt, bis „die Vorräte in der Speisekammer“ ebenso erschöpft sind wie das Paar. Freeden, der sich als Journalist und Dokumentarist einen guten Namen gemacht hat, zeigt nun, daß er auch erzählen kann. Es sind die Beiläufigkeiten des Alltags und die Marginalien der Geschichte, aus denen er seinen Stoff formt. Wenn er zum Beispiel schreibt, in einem Schwarzwaldsanatorium, in dem er vor 1933 einige Zeit verbrachte, habe „ein Teil der Patienten das Hakenkreuz“ getragen, während gleichzeitig nationalsozialistische Studenten in Berlin die Eingänge der Universität besetzt und „jeden, der jüdisch aussieht, beschimpft, bespuckt oder niedergeschlagen“ hätten, dann muß die Frage nicht mehr gestellt werden, ob die braune Gewalt aus dem deutschen Volk oder über es gekommen ist. Freeden tut auch nicht so, als habe er das Unglück kommen sehen, im Gegenteil, trotz der vielen Warnzeichen genießt er das Leben, studiert Publizistik und schreibt Reportagen für Berliner Zeitungen. Auf seiner „Jagd nach Bagatellen“ interviewt er Hotelportiers, Theaterfriseure und Filmgarderobieren, entdeckt das letzte Berliner Stummfilmkino und besucht ein Obdachlosenasyl.

In den Jahren nach der „Machtergreifung“ diskutieren die Juden untereinander, ob sie „bleiben oder gehen“ sollen, ob „innere oder äußere Emigration“ die richtige Reaktion wäre. Freeden bleibt bis zum Jahre 1939; er wird Leiter der Kulturabteilung der Berliner Zionistischen Vereinigung und Dramaturg beim Jüdischen Kulturbund. „Eine Art von Trotzjudentum kam auf, ein ‚nun erst recht‘, jüdische Werte gegen deutsche Worte, aus Judenjungen wurden junge Juden.“ Freeden schreibt einen Roman, der sich mit dem jüdischen Schicksal der dreißiger Jahre beschäftigt, „Die unsichtbare Kette“. Er müht sich, jüdischen Lesern und Theaterbesuchern jüdische Kultur und Tradition zu vermitteln. Die einzige Verbindung zum Deutschtum, aus dem er ausgestoßen wurde, sind zwei junge Frauen, Vilma und Ann, die sich in ihre Affären nicht reinreden lassen und von dem „Gesetz zum Schutze deutschen Blutes“ nichts wissen wollen. Als er schließlich mit einem britischen Visum und zehn Reichsmark in der Tasche am Anhalter Bahnhof steht, schlägt wieder eine Tür hinter ihm zu: „Aus Posen mußte ich fort, weil ich ein Deutscher war; aus Deutschland, weil ich ein Jude war.“

Das „britische Intermezzo“ ist eine Warteschleife im Lande Seiner Majestät in der Gesellschaft anderer Emigranten, die sich gegenseitig ihre Gedichte vorlesen und – sogar noch in der Internierung – Vorträgen über den „Sinn des Lebens“ lauschen. Freeden erzählt die schrecklichsten Geschichten ohne jede Wehleidigkeit, beinah fröhlich, einige Szenen lesen sich wie eine Vorlage für einen Film von Mel Brooks. Leider legt er diese Respektlosigkeit ab, je weiter er in seinen Erinnerungen voranschreitet. Irgendwann in der zweiten Hälfte des Manuskripts hält er es für relevant, seine Leser wissen zu lassen, daß sein Sohn Michael, 1944 geboren, ein angesehener „Autor vielzitierter Werke der politischen Theorie (ist), nicht nur Wissenschaftler, sondern ein Sohn, der mit uns beiden eng verbunden ist“. Ungefähr von da an läßt der freche Schwung der Erinnerungen nach, der Autor schreibt ein öffentliches Tagebuch, wobei er sich immer öfter selbst auf die Schultern schlägt. So zitiert aus einem Schreiben des Chefredakteurs der Frankfurter Rundschau, Werner Holzer, der ihm bestätigt, er habe „zu mehr Verständnis zwischen Deutschen und Israelis“ beigetragen. Peinlichkeiten dieser Art hätte ein aufmerksamer Lektor dem Autor ausreden und dem Leser ersparen müssen.