Von Dietmar H. Lamparter

Ich nehm’ doch kein Pils, bringen Sie mir lieber ein Foster’s", korrigiert die Dame mit dem Dutt ihre Bestellung an der Theke. Für die Bedienung in der Hamburger Kneipe Müller-Lüdenscheit ist der Sinneswandel der Endzwanzigerin im blauen Cashmere-Pulli kein Problem. Aus einem der fünf Zapfhähne fließt neben Flensburger Pils und irischem Guinness seit kurzem der Gerstensaft, der – so Foster’s Werbestratege Richard Davies – einen "Hauch von Freiheit und Abenteuer aus dem australischen Outback" in deutsche Szenekneipen und Yuppie-Wohnstuben bringen soll.

Um die "Bier-Bedürfnisse der jüngeren, experimentierfreudigen Konsumenten" zu befriedigen, habe sich die Hamburger Holsten-Brauerei mit dem australischen Braugiganten Foster’s Brewing Group (viertgrößter Hersteller der Welt) zusammengetan, erläutert Vertriebsvorstand Günter Ellenberg. Die Aussies schicken Hopfen und Hefe über den Ozean, und die Hanseaten brauen damit ein mild und leicht schmeckendes Bier. Genau das, so will die Hamburg-Melbourne-Allianz herausgefunden haben, möchte die komsumfreudige Zielgruppe der 18- bis 35jährigen derzeit trinken. Seit September wird die Einführung der Marke mit dem knallblauen Label in Deutschlands Norden mit massiver Werbung in Szeneblättern, Kino- und Fernsehspots unterstützt.

Die Strategie könnte aufgehen, zeigt doch der deutsche Konsument eine noch nie dagewesene Lust auf exotisches Gebräu: Um achtzig Prozent explodierten die Bierimporte von Januar bis November des vergangenen Jahres. Die internationalen Braumultis drängen mit Macht auf den deutschen Markt.

Dabei hatte es vor kurzem noch so ausgesehen, als ob die deutsche Bierfestung den weltweit aktiven Braugiganten widerstehen könnte. Selbst nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg vom März 1987, das den Weg für Importbiere frei machte, die nicht nach dem vielgepriesenen deutschen Reinheitsgebot von 1516 gebraut sind, blieb die befürchtete Invasion der billigen "Chemiebiere" aus. "Vier Jahre tat sich fast nichts", beschreibt Ulrich Opherk, Sprecher des Deutschen Brauer-Bundes in Bonn, die trügerische Ruhe.

Dies obwohl Deutschland – mit 118 Millionen Hektolitern Bierausstoß 1991 und einem Pro-Kopf-Verbrauch von 143 Litern – der mit Abstand größte Biermarkt Europas ist. Doch offensichtlich hatte der im Vorfeld des Luxemburger Urteils entfachte Medienrummel Wirkung gezeigt. Trotz der formalen Niederlage konnten sich die deutschen Hersteller als "lucky losers" (Opherk) fühlen. Die zersplitterte und zugleich festgezurrte Struktur auf dem deutschen Biermarkt tat ihr übriges. Tradierte regionale Vorlieben kennzeichnen den Markt: 1150 unabhängige Sudstätten gibt es; in Großbritannien, dem zweitgrößten Bierland der EG, sind es gerade 59. Selbst die größten Braugruppen kommen hierzulande gerade auf gut sechs Prozent Marktanteil, die erfolgreichste Einzelmarke, Warsteiner, bringt es auf vier Prozent. Jede Brauerei hat ein Netz von Gaststätten und Getränkemärkten mit festen Absatzverträgen langfristig an sich gebunden.

Doch im Sommer brach ausgerechnet ein Exot aus dem fernen Mexiko den Bann. "Corona-Extra stieg wie ein Komet am deutschen Bierhimmel auf", bejubelt Bierimporteur Otto Leuze, Geschäftsführer der Stuttgarter Alldrink GmbH, den Siegeszug von la cerveza mas fina (das feinste Bier) aus Mexico City durch Diskotheken und Szenetreffs von München bis Hamburg. Ein bundesweites In-Getränk zu kreieren ist bislang noch keinem deutschen Brauer gelungen. Dabei verkörpert das Aztekenbier in der langhalsigen Weißglasflasche all das, was die Reinheitsgebotslobby dem deutschen Bierliebhaber so gründlich vergällt zu haben glaubte: Es wird teilweise aus Reis gebraut und dazu noch mit Papain und Ascorbinsäure haltbar gemacht. Die Päpste der sorgsam gepflegten teutonischen "Pils-Kultur" mußten dazu noch einen weiteren Sittenverfall beobachten: Corona wird nach Prolo-Manier aus der Flasche getrunken, in der allerdings – so verlangt es der Kult – ein Limonenstück stecken muß.