Von Roland Knauer

Der Brutschrank, in dem Biologen und Naturschützer die Eier mehr oder minder bedrohter Tierarten künstlich ausbrüten, ist für Großfußhühner ein alter Hut. Neunzehn Arten dieser Familie der Hühnervögel leben auf verschiedenen Pazifik-Inseln und in Australien. Die meisten von ihnen nutzen natürliche Wärmequellen als Bruthilfe. Das Buschhuhn der subtropischen Wälder im Osten und Nordosten Australiens baut sich den Inkubationsschrank für seine Eier sogar selbst, berichtet der Zoologe Roger S. Seymour von der Universität im australischen Adelaide (Spektrum der Wissenschaft, Feb. 1992, S. 60). Mit großer Akribie schichtet der Hahn einen Komposthaufen an einer schattigen Stelle im Wald auf, in den später die Henne ihre Eier legen wird.

Der „Brutschrank“ des auch Bürsten-Truthahn genannten Tieres funktioniert nach dem gleichen Prinzip, mit dem Kleingärtner Gartenabfälle in Kompost umwandeln. Wie sein menschlicher Kollege schichtet der Buschhahn die verschiedensten abgestorbenen Pflanzenteile zu einem etwa einem Meter hohen und bis zu fünf Meter breiten Haufen auf. Immer wieder gräbt er von oben her Löcher in das Gewirr aus Blättern, Stengeln, Zweigen, kleinen Ästen und Moos, füllt sie neu und deckt die gesamte Konstruktion mit gröberen Stöcken und Zweigen ab. Im Innern zersetzen derweil winzige Pilze und andere Mikroorganismen das Material.

Dabei entsteht auch Wärme, und der bis zu zwölf Kubikmeter große Haufen wirkt als Thermostat, der Schwankungen der Außentemperatur ausgleicht. Zum Erdboden hin sorgt das Tier für eine gute Isolation, indem es einfach die Überreste eines älteren Baus als Fundament nutzt. Immer wieder steckt der Hahn seinen drei Zentimeter langen Schnabel in den Haufen und mißt mit einem bisher noch nicht näher identifizierten Fühler auf der Zunge oder im Gaumen die Temperatur. Erscheint ihm das Innere zu kalt, gräbt er neues Pflanzenmaterial ein und heizt damit die Verrottung weiter an. Nach einigen Wochen pegeln sich etwa sechzig Zentimeter unter der Oberfläche behagliche 35 Grad Celsius ein – für die Entwicklung der Eier die richtige Temperatur.

Während der Hahn sich um alle Belange der Komposthaufen-Konstruktion kümmert, produziert die Henne zahlreiche und große Eier. Freigestellt von allen Brutaufgaben, beschäftigt sie sich vor allem mit Fressen, denn jede Buschhenne legt im Laufe der rund sechs Monate langen Brutsaison bis zu fünfzig Eier. Mit 180 Gramm sind ihre Eier dreimal so schwer die die des Haushuhns; sie entsprechen immerhin einem Zehntel ihres Körpergewichts.

Die Henne deponiert jedes Ei auf den Grund eines schrägen Lochs, das der Hahn vor jeder Ablage neu in seinen Bruthügel gräbt. Sechzig Zentimeter unter der Oberfläche beginnt der Embryo nun 49 Tage lang zu reifen. Während dieser extrem langen Entwicklungszeit verzehren die Tiere relativ viel Energie. Die Eier bestehen daher rund zur Hälfte aus dem energiereichen Dotter, normalerweise beträgt der Dotteranteil nur zwanzig Prozent.

Die Mikroorganismen liefern bei der Kompostierung zwar die nötige Wärme zur Bebrütung der Eier, gleichzeitig konkurrieren sie aber mit den Küken um den Sauerstoff: Etwa zwanzig Liter benötigen sie in der Stunde, das gesamte Gelege hingegen bedarf nur eines Drittel Liters Sauerstoff. Da der Bruthügel zu etwa siebzig Prozent aus Hohlräumen besteht, ist eine relativ gute Belüftung gewährleistet. Trotzdem sinkt der Sauerstoffgehalt von 21 Prozent im Freien auf 17 Prozent bei den Eiern ab. Gleichzeitig steigt die Konzentration von Kohlendioxid, das Küken und Mikroben ausatmen, auf gefährliche vier Prozent. Das ist mehr als das Hundertfache der normalen Verhältnisse.