Von den Reiseführern wird das Quartier Les Marolles meist vernachlässigt. Es war und ist noch immer Brüssels Viertel der Handwerker, des Kleinbürgertums, der Immigranten, der Illegalen und jener, die das Leben vergessen zu haben scheint. Vor den Fenstern hängt Wäsche, in den Läden sind die Früchte kunstvoll gestapelt, und aus den Friteusen rauchen Schwaden von verbranntem Öl.

Die Grenze zwischen dem Marollenviertel und dem Wohngebiet der feinen Bürger verläuft von der Rue des Minimes über die Avenue de l’Hal mit dem eindrucksvollen Stadttor aus dem 14. Jahrhundert bis hin zur Avenue de Stalingrad. Mitten im Quartier Les Marolles liegt die Place du Jeu de Balle. Wie an jedem Tag, so findet auch am Sonntagmorgen hier ein Trödelmarkt statt. Der Platz ist schwarz von Menschen – Männer im Burnus, verschleierte Frauen, Araber und Juden. Kinder drängeln ihre Mütter, Väter stöbern zwischen Kühlschränken und Fernsehgeräten. Mit etwas Glück findet man vielleicht einen passenden Stuhl, ein Sofa oder einen Küchenschrank. Hier wühlt einer zwischen Bilderrahmen und Ölgemälden, dort dröhnt es aus dem Lautsprecher eines Kassettenrecorders. Es gibt Pornos, Popmusik und Videos zu kaufen. Es riecht nach Kräutern und schweren Parfüms. Zwischen Ständen mit Pelzen und Porzellan, Münzen und Orden schiebt sich ein buntes Völkergemisch. Spanier, Portugiesen, Franzosen charakterisierten schon im Mittelalter das Marollenviertel. In den letzten Jahren sind die Bürger aus dem Maghreb hinzugekommen.

Wir treffen uns mit Gustave Abeels. Der Ministerialbeamte ist Präsident des „Cercle d’Histoire et d’Archeologie Les Marolles“, einer Vereinigung, die sich der Rettung und Sanierung des „Volksviertels“ verpflichtet hat.

Im Quartier Les Marolles wohnen etwa 10 000 Menschen, rund 3000 davon illegal. Wie im Mittelalter, so Abeels, ist das vom Verfall bedrohte Viertel auch heute Fluchtort der Verfolgten, wie im Mittelalter haben die Menschen eine besondere Form der sozialen Toleranz entwickelt, entziehen sie sich jeder staatlichen Kontrolle, sprechen ihren eigenen Dialekt. Durch die Jahrhunderte haben die Marolliens gelernt, daß sie nichts von denen „da oben“ zu erwarten haben, daß sie sich selber helfen müssen, wenn sie überleben wollen. Noch gibt es die schmalen Gassen, impasses, die winzigkleinen Häuser, in denen die großen Familien leben.

Nun aber steht die Sanierung des Viertels an. Über den Dächern der Gassen ragen die ersten Baukräne. Von den Baggern, Baumaschinen und Baubuden soll die Lösung für das Viertel kommen, die Wiedergeburt der Marollen. Dabei solle zwar der Charakter nicht aufs Spiel gesetzt werden, aber er, Gustave Abeels, sei sich da nicht so sicher. Vor allem vor den sogenannten „Projektentwicklern“, die eine feine Nase für künftige Tendenzen und für Geld haben, müsse man auf der Hut sein.

Die Geschichte um das Sanierungsprogramm für die Marollen ist lang und wenig erbaulich. Schon 1851 wurde der erste Plan im Rathaus diskutiert. Der sah vor, den Marktplatz Jeu de Halle mit Platanen und Springbrunnen zu verschönern, damals hatten auch einige wohlhabende Bourgeois Häuser im Volksviertel gebaut. Der Plan wurde abgelehnt. Die meisten der Bürgerhäuser verschwanden dann während des großen städtebaulichen Kahlschlags in den sechziger und siebziger Jahren unseres Jahrhunderts.

1952 war König Baudouin inkognito durch Les Marolies gezogen. Der damals 22jährige war so geschockt von dem, was er sah, daß er sofort ein Programm für den sozialen Wohnungsbau anordnete. Daraufhin wurden an der Eisenbahnüberführung, die das Viertel durchschneidet, abschreckende und phantasielose Appartementhäuser errichtet.