Norderstedt

Die Schalom-Kirche liegt sehr verkehrsgünstig: Von der Endstation der Hamburger U-Bahn sind es nur ein paar Schritte herüber; mit dem Auto von der Binnenalster dreißig Minuten. Die Autobahn A 7 garantiert die schnelle Verbindung mit Neumünster, Rendsburg und Kiel. Eine bessere Kirche, schon geostrategisch, hätten die anfangs 75, heute nur mehr zehn bis fünfzehn Asylbewerber, für ihre seit dreieinhalb Monaten andauernde Besetzung (ZEIT Nr. 6/92) kaum finden können.

Denn ein Anruf aus dem Andachtsraum (die Flüchtlinge verfügen über ein Funktelephon) genügt, und schon eilen aus allen Himmelsrichtungen die „Unterstützer“ herbei. Als am Dienstag dieser Woche, morgens um neun Uhr, das letzte Ultimatum des Kirchenvorstands auslief, waren hundert bis zweihundert Autonome zur Stelle, um den Backsteinbau vor der Staatsmacht zu verteidigen. Die Polizei, die bis vor einigen Wochen vor dem Gebäude noch Wache schob, um die Asylbewerber vor Rechtsradikalen zu schützen, ließ sich freilich zunächst nicht blicken. Nach 106 Tagen kommt es auf die Stunde der Räumung nicht mehr an.

In den vergangenen zwei Wochen hatten Flüchtlinge und Unterstützer noch einmal versucht, die Bevölkerung zu mobilisieren und Druck auf die SPD-Landesregierung auszuüben: „Keine Abschiebung in die Ex-DDR“ und „Bleiberecht für alle“ lauten zwei ihrer Forderungen. Unterstützer sprühten Parolen ans Kieler Sozialministerium, besetzten SPD-Parteibüros in Kiel und Rendsburg; die Flüchtlinge traten in den Hungerstreik. Ein Höhepunkt war erreicht, als ein Arzt nach einigen Fastentagen bekundete, die Asylbewerber schwebten in Lebensgefahr.

„Das ist kein politischer Kampf mehr“, sagt Ralf Stegner, Sprecher des Sozialministers, „sondern bewußte Irreführung der Öffentlichkeit.“

Am Wochenende hatte der Schalom-Kirchenvorstand sein Ultimatum mit einem letzten Angebot verknüpft: Die Flüchtlinge sollten in ein leerstehendes Pastorat in Hoisdorf bei Hamburg umsiedeln, dort von zwei Sozialpädagogen und einem Übersetzer betreut werden sowie täglich acht Mark Verpflegungsgeld aus Kirchenmitteln erhalten. Den Unterstützern sollte ein Besuchsrecht eingeräumt werden.

Am Montag standen zwei Busse bereit, um die Flüchtlinge von Norderstedt, wo sie sich illegal aufhalten, nach Hoisdorf zu bringen, wo sie sich genauso illegal aufhalten würden. Von Rechts wegen gehörten sie nach Ostdeutschland. Die Landesregierung hätte aber eine Umverlegung im Westen nicht unterbunden.