Von Marlies Menge

Maik und Jana sind enttäuscht. Sie würden im Juni dieses Jahres auch gern zum internationalen Kindergipfel reisen, eine Begleitveranstaltung der UN-Weltkonferenz „Umwelt und Entwicklung“ in Brasilien. Zwei deutsche Kinder werden auf Einladung der Zeitschrift natur, World Wildlife Fund und Unicef dabeisein, aber keines davon ist aus dem östlichen Deutschland.

Maik und Jana interessieren sich sehr für Umweltprobleme. Der fünfzehnjährige Maik organisiert mit Klassenkameraden Sammelaktionen unter dem Motto „müllfreie Umgebung“. Er kümmert sich darum, daß in seiner Babelsberger Schule Abfall getrennt gesammelt wird und legt im Schulgarten einen Bioteich an. Die siebzehnjährige Jana hielt in der Schule ein Referat über Greenpeace und versucht, eine Umweltgruppe auf die Beine zu stellen. Im Treppenaufgang des Hauses in Erkner, einem Ort nahe Berlin, hat sie ein selbstgemaltes Plakat aufgehängt. Es ermahnt die Mitbewohner, Glas, Papier und Pappe in die dafür bestimmten Container zu werfen und nur Produkte mit dem blauen Umweltengel zu kaufen. Als in den Klassen gefragt wurde, wer Lust hat, zum Umwelt-Kindergipfel nach Potsdam zu fahren, meldeten sie sich. Hundert Kinder aus Brandenburg waren bei dem Vorgipfel, den das dortige Umweltministerium vorbereitete. Sie diskutierten und wählten schließlich die Teilnehmer für den großen Kindergipfel in Frankfurt am Main – dort sollte dann die Endauswahl für Rio stattfinden (inzwischen überlegt man, ob man mit den Kindern nicht besser in New York, der Schweiz oder Österreich tagt). Maik und Jana waren zwei von vieren für Frankfurt. Wer sie kennt, den wundert es nicht. Beide sind selbstbewußt und engagiert. Und beide können reden.

Dieser Kindergipfel, initiiert von der Zeitschrift natur zusammen mit dem World Wildlife Fund, Unicef und der Stadt Frankfurt, fand an einem Wochenende im September statt. Die Brandenburger Kinder fuhren von Potsdam mit dem Intercity nach Frankfurt. Die erste Ernüchterung kam bei der Ankunft: „Die hatten schon angefangen, wollten uns gar nicht mehr haben“, erzählt Jana. „Die Themengruppen waren total überfüllt. Aus dem Osten waren nicht mehr als dreißig da, wir Brandenburger, dann welche aus Mecklenburg und Sachsen und aus Ostberlin.“ Inmitten der vielen hundert Kinder in Frankfurt waren sie eine verschwindende Minderheit. Eine kleine Gruppe, durch Wahl in den Themengruppen und schließlich durch das Los bestimmt, sollte bei der Abschlußveranstaltung in der Paulskirche mit Politikern einen Generationenvertrag unterschreiben, eine Art Goodwill-Erklärung der Erwachsenen gegenüber den Kindern. Eines durfte Umweltminister Töpfer befragen, ein anderes Robert Jungk. Drei sollten sich mit dem Fernsehjournalisten Günther Jauch unterhalten. Kein einziges Kind aus den neuen Bundesländern war dabei – übrigens auch kein Politiker –, sie kamen nur noch in den Reden vor. „Am liebsten wäre ich da nach vorn gegangen und hätte gesagt, wie uns zumute ist“, sagt Maik.

Mag sein, daß es nicht Absicht war, sondern Gedankenlosigkeit. Das Resultat ist für die Betroffenen dasselbe. Im Januar trafen sie sich nochmal in Potsdam. Bildungsministerin Birthler tröstete die Kinder. Doch eine Westberlinerin muckte auf, sie warf den Veranstaltern vor, daß sie die Möglichkeit der Ausgrenzung ostdeutscher Kinder hätten ausschließen müssen: Christa Dorothea Goy engagiert sich seit langem für ökologische Kinderrechte. Gemeinsam mit Kindern aus Brandenburger Schulen will sie eine Kinderrechts-Broschüre entwerfen. In Briefen bittet sie nun um Geld, das auch ihnen die Reise nach Rio ermöglichen soll. „Hier bei uns ist schließlich, was die Umwelt angeht, viel mehr zu machen als im Westen“, findet Maik.