Israels Kalkül war kalt und erbarmungslos. Ministerpräsident Jitzchak Schamir konnte sicher sein, daß das Attentat auf den Hisbollah-Führer im Südlibanon, auf seine Familie und Leibwächter niemanden im Westen zu Tränen rühren würde. Mochte Scheich Abbas Mussawi auch als gemäßigt gelten, er führte gleichwohl eine schiitische Guerillatruppe an, die für Geiselnahmen und Greueltaten bekannt ist.

Schamir stärkte nicht nur das nach jüngsten israelischen Opfern angeschlagene Selbstvertrauen seiner Armee, er setzte auch einen wirkungsvollen Auftakt zum heimischen Wahlkampf. Der schlaue Taktierer in Jerusalem dürfte indes noch weiter gedacht haben: Erstens galt Mussawi als „Syrien-Mann“ an der Hisbollah-Spitze. Zweitens fühlt sich das Regime in Damaskus – mit amerikanischer Duldung und gemäß dem Abkommen von Taif sowie einem Vertrag mit der Regierung in Beirut – zuständig für Sicherheit und Ordnung im Libanon. Drittens schließlich stört die Bluttat die trügerische Ruhe im Zedernstaat (was Israel zwecks Rechtfertigung seiner besetzten Zone im Süden des Landes gelegen kommt).

Alles zusammen macht klar, daß der Mord an Mussawi auch ein Affront gegen Syrien sein sollte. Hafis el-Assad ist indes zu gewieft, um sich dadurch zu einer offenen Konfrontation mit Israel provozieren zu lassen. Die Schmach geht aber zu tief, als daß er sich in der nächsten Runde der nahöstlichen Friedensgespräche doch weich stimmen ließe. Damit hat Schamir gewonnen, was ihm so wichtig ist: Zeit.

Ein Blick auf den „Friedensfahrplan“ ist erhellend: Demnächst beginnt der muslimische Ramadan, dann folgen christliche Ostern und jüdisches Passah-Fest. Im Juli wählt Israel. Und anschließend strebt Amerikas Wahlkampf seinem Höhepunkt zu. Bis zum 23. Januar 1993, wenn der neugewählte Präsident seinen Eid ablegt, ist somit der Friedensprozeß blockiert. Und bis dahin könnten schon 250 000 jüdische Siedler im Westjordanland leben...

Jitzchak Schamir hat auf Scheich Mussawi gezielt. Er hat aber den Friedensprozeß gemeint.

F.G.