Deutsche Investoren rufen in der ČSFR gemischte Gefühle hervor

Von Heinz-Georg Wolf

Anfang Februar fand Václav Havel auf seinem Schreibtisch in der Prager Burg einen ungewöhnlichen Brief vor. Ein, wie es hieß, hoher Beamter des Geheimdienstes warnte den Präsidenten der Tschechen und Slowaken vor den Gefahren des D-Mark-Imperialismus. Deutsches Kapital sei drauf und dran, Böhmen und Mähren „wirtschaftlich und somit auch politisch“ zu ockupieren. Dabei würden die Deutschen durch die Investitionspolitik der Prager Regierung willfährig unterstützt. Ihrer Vormachtstellung gegenüber konkurrierenden Industriestaaten seien sie sich inzwischen „unerschütterlich“ sicher.

Die Sorgen, die der Geheimdienstler seinem Präsidenten mitteilte, beschäftigen in Prag längst Parlamentsausschüsse, sie sind Thema in Chefetagen und Betriebsräten von privatisierungsreifen Unternehmen, und sie sorgen für schier unerschöpflichen Gesprächsstoff an den Stammtischen. Es geht um die „Germanisierung“ der tschechischen Republik.

Sprungbrett für weitere Expansion

Ohne Zweifel haben die deutschen Investitionen unter den Tschechen und Slowaken Befürchtungen wegen eines möglichen „Ausverkaufs“ ihrer Wirtschaft genährt. Jan Stráský, stellvertretender Premierminister der tschechischen Landesregierung, räumte einen Tag, nachdem der nicht besonders geheime Brief an den Präsidenten bekannt wurde, in einem Interview der – früher kommunistischen, heute unabhängigen – Tageszeitung Rude Pravo, ein, daß von der runden Milliarde Dollar, die bislang in der ČSFR investiert wurden, 86 Prozent aus der Bundesrepublik stammen.

Den Löwenanteil dabei buchen die Konzerne Volkswagen, Siemens und Mercedes. Und vor allem um deren Investitionen kreisen die Stammtischgespräche. Der Volkswagen-Konzern hatte sich schon Ende März 1991 in Mladá Boleslav, der Autostadt nördlich von Prag, bei den Skoda-Automobilwerken eine Beteiligung von 31 Prozent gesichert, die bis 1995 auf etwa 70 Prozent steigen soll. Zwar zerstob die erste Euphorie mit dem Zerfall des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). Im Frühjahr 1991 hielt VW-Vorstandsvorsitzender Carl H. Hahn den Skoda Favorit noch für ein gutes Auto, das im Osten eingeführt sei und dort weiterhin seinen Markt haben werde. Tatsächlich jedoch schrumpften die Skoda-Exporte fast auf Null. Vor allem Ostdeutsche, Polen, Ungarn und Jugoslawen favorisierten jetzt auch westliche Automobile – und seien sie aus dritter und vierter Hand. In der ČSFR sank der Absatz von 1990 noch mehr als 120 000 Skoda Favorit auf etwa 30 000 im Jahre 1991.