Die Spatzen, die es auf Wolkenkratzern nicht gibt, pfeifen es von den New Yorker Dächern: Das amerikanische Verlagswesen ist in einer tiefen Krise. Da mutet es geradezu tollkühn an, zumindest bewundernswert, daß soeben in New York ein neuer Verlag mit ehrgeizigem Programm gegründet wurde. Der im Frühjahr 1990 unter spektakulären Umständen von seinem Chefposten bei Pantheon verdrängte André Schiffrin (ZEIT Nr. 11/1990) hat etwas zustande gebracht, was schlechterdings ein Novum in der Verlagsgeschichte der USA ist.

Mit Hilfe zahlreicher Stiftungen und in Kooperation mit der City University of New York wurde (abgesehen von Universitätsverlagen) der erste nichtkommerzielle Verlag Amerikas gegründet: The New Press. Nach fast zweijähriger Vorbereitungszeit kann André Schiffrin nun verkünden: „Durch die zunehmende Verlagskonzentration schien es notwendig, neue Strukturen für die Publikation von Büchern mit wichtigen, neuen Ideen zu schaffen, die von den großen Verlagshäusern oft als zu ‚riskant‘ oder ‚nicht einträglich genug‘ abgelehnt werden.“

Wenn man die imposante Liste der Träger dieses Unternehmens sieht, klingt das nicht vollmundig, sondern vielversprechend; von der Aaron Diamond Foundation über die Giangiacomo Feltrinelli Stiftung, das französische Kulturministerium oder The Rockefeller Family Fund bis zur Andy Warhol Foundation for the Visual Arts gibt der frischgedruckte Prospekt ein so klangvolles wie erstaunliches internationales Who’s who von supporters wieder. Die Idee ist so einfach wie ihre Verwirklichung gewiß schwierig (war): ein Verlag, der nicht auf Profit angewiesen ist (und der folgerichtig seine Büroräume in einem Universitätsgebäude hat). Schiffrin, der in fast drei Jahrzehnten bei Pantheon – jetzt zum Random-House-Giganten gehörend – genug Erfahrung sammeln konnte, weiß, was er bitter wie hoffrungsvoll sagt: „Wenn man den Markt das Verlagsprogramm bestimmen läßt, bleibt vieles auf der Strecke, und oft sind es die Bücher, de später wichtige Werke werden. Ich erinnere mich, wenn ich auf meine Jahre bei Pantheon zurückblicke, daß niemand bereit war, Michel Foucault zu publizieren – bis wir es dann gemacht harten. Zurückhaltung auf kulturellem Gebiet und ökonomische Zwänge haben die Tendenz, sich gegenseitig zu verstärken, und die Kultur zieht dabei den kürzeren.“

Entsprechend sieht das erste Programm, Frühjahr 1992, aus: ein Leporello schwarzer Photographie wie eine (nichtsdestoweniger bestsellerverdächtige) Befragungsstudie des berühmten Pulitzer-Preisträgers Studs Terkel über „Race“ oder ein Essay über die amerikanische Arbeiterklasse: alles dem vielberufenen „Zeitgeist“ wahrlich entgegengesetzt, alles von fast dickköpfiger Ernsthaftigkeit. Entsprechend der Idee dieses Hauses hat sich ein unbezahltes fünfzigköpfiges internationales Beraterkomitee aus Museumsleuten, Erziehungswissenschaftlern, Sozialwissenschaftlern gebildet, das nicht Marktstrategien und Absatzchancen untersuchte, sondern den öffentlichen Bedarf erörterte; sei es an Erziehungsmaterial oder an ausländischer Belletristik (die in den USA immer weniger übersetzt wird). Folgerichtig steht neben Marguerite Duras ein Juwel der amerikanischen Geschichtsdokumentation, die von Ira Berlin herausgegebenen „Freed Slave Papers“, in dem vorerst schmalen Katalog, der allerdings eine Produktion von demnächst zwanzig, von 1995 an bereits vierzig Titeln jährlich avisiert. Die Zielrichtung des Hauses ist klar: Gewinn wird nicht begriffen als Profit, sondern als Mehr an Kenntnis und Kultur.

Fritz J. Raddatz